Die flämische Kunststadt Antwerpen ist ein kultureller Schmelztiegel

Kulturstadt der Reisenden

Es ist ein tolles Gefühl, am Antwerpener Bahnhof anzukommen,“ sagt Julia Rossow, die vor sieben Jahren nach ihrem Architekturstudium nach Antwerpen zog. Die „Eisenbahnkathedrale“ mit ihren gigantischen Ausmaßen aus dem Jahr 1905 hat eine 75 Meter hohe Kuppel. Das Pantheon in Rom war eines ihrer Vorbilder.

Antwerpen hat Zuwanderer aus 160 Ländern. Gegenüber vom Bahnhof beginnt hinter einem Tordurchgang die Straße der Chinesen. Auch die Hovenierstraat ist nicht weit, wo heute neben Juden vor allem Inder im Diamantenhandel den Ton angeben.

Viele der rund 20 000 Antwerpener Juden sind streng orthodox. Sie leben zwischen dem Diamanten- und dem Jugendstilviertel Zurenborg. Benjamin Hoffmann führt seit 1985 mit seinem Bruder das Hoffy´s, ein Schnellrestaurant in der Lange Kievitstraat 52. Er spricht Deutsch und erklärt Fremden gern die jüdische Küche und Kultur: „Freitags schließen wir am Nachmittag vor dem Shabatt um 15.30 Uhr, aber sonst gibt es bis 22 Uhr jüdische Küche aus Osteuropa – gefilte Fisch mit Kraut, sefardisches Huhn, mariniert mit Pflaumen und Rotwein, Apfelstrudel.“ Hier scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Anders als auf dem Eilandje am Hafen, wo Julia Rossow im Red Star Line Museum, dem im September 2013 frisch eröffneten Migrationsmuseum, als Projektleiterin Arbeit fand.

Zeitreise zum Hafen

„Der Hafen ist wie ein Magnet. Und jetzt weisen vom Bahnhof aus rote Sterne auf der Straße den Weg, den europäische Auswanderer mit schwerem Gepäck vor über 100 Jahren zu Fuß zum Schiff gingen,“ erklärt Julia. Der Weg ist eine Einladung zu einer Zeitreise durch die flämische Kunststadt, die heute mit Schokolade und Mode verführt. Vorbei an den Cafés der De Keyserlei geht es durch die Shopping-Meile Meir Richtung Rubenshaus. Dort wohnte und arbeitete einer der berühmtesten Barockmaler, der sich in den Kirchen der Stadt verewigte. Auch Kathedrale, Rathaus und der Brabo-Brunnen zeugen von historischem Reichtum und Überschwang. „Die armen Aussiedler fielen hier sehr auf“, sagt Julia. Eugeen van Mieghem hat sie sehr ergreifend gemalt. Am Rijnkaai im Hafen gegenüber der Red Star Line hatten die Eltern des Malers, der mit Käthe Kollwitz und Toulouse-Lautrec verglichen wird, eine Kneipe.

Kreativer Aufwind

Das Eilandje mit seinen Speicherhäusern und Industriebrachen galt lange als heruntergekommen. Das hat sich geändert, spätestens seit das Museum am Strom (MAS), ein hochmoderner Kunstbau aus indischem Sandstein, Antwerpen als Welthafen und flämische Kunstmetropole in Szene setzt.

Das Museum überragt den Jachthafen am Willemdok um 60 Meter. Rolltreppen führen hinauf und die Aussicht vom zehnten Stock ist bis 22 Uhr gratis.

Modeschöpfer Dries van de Nooten hat sein Atelier auf dem Eilandje. „Het Pomphuis“ heißt ein Restaurant in einer alten Pumpstation und ins „FelixPakhuis“, in dem früher Tabak lagerte, zog das Stadtarchiv. „Die Kunst- und Kneipenszene verlagert sich vom Zuid zum Hafen und architektonisch bleibt es spannend,“ sagt Julia. Im Jahr 2017 ist mit dem Hafenhaus am Quai 63 erneut ein Clou zu erwarten. Das Londoner Büro von Zaha Hadid plant einen spektakulären Glasbau in Diamantenform.

Von Petra Sparrer

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