Der Winter hat auf der Ostseeinsel Usedom seine ganz besonderen Reize

Kutschfahrt durch die Geschichte

Unterhaltsamer Ausflug: Während die Pferde durch den Schnee stapfen, erzählt Brigitte Will im beheizten Planwagen Geschichten über die Insel und ihre Menschen.

Vito und Vagabund scharren schon mit den Hufen. Ihre zotteligen Mähnen sind mit feinen Schneeflocken bedeckt. „Heute haben sie Winterreifen drauf“, meint Brigitte Will, die waschechte Usedomerin, die seit dem Jahr 1972 zusammen mit ihrem Mann Kremserfahrten durch die Seebäder Ahlbeck und Heringsdorf anbietet. Bei heißem Glühwein und Sanddornpunsch ist es wohlig warm in der beheizten Kutsche mit ihren winddichten Fenstern.

Die beiden Haflinger traben zunächst in Richtung Ahlbecker Seebrücke. Sie ist mit 110 Jahren die älteste Seebrücke Deutschlands und steht mit ihrem 280 Meter langen Seesteg und dem historischen Pavillon unter Denkmalschutz. „Allein 600 Objekte auf 440 Quadratkilometern sind denkmalgeschützt“, bringt es Brigitte auf den Punkt und lenkt dabei sicher ihre beiden „Jungs“, wie sie ihre Pferde liebevoll nennt, über die schneebedeckten Straßen.

„Eine lückenlose Bäderarchitektur, wie es sie so vollständig erhalten nirgends anders gibt.“

Brigitte Will

Vorbei geht es an den Kaiservillen aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. „Eine lückenlose Bäderarchitektur, wie es sie so vollständig erhalten nirgends anders gibt“, sagt die Kutscherin voller Stolz. In Weiß und zarten Pastellfarben gehalten, prägen die üppigen Bauten mit ihren typischen offenen Veranden das Ortsbild. Wo zu DDR-Zeiten die Volksbildung oder die Gewerkschaft ihren Sitz hatten, siedeln heute schicke Ferienwohnungen.

Dort in der mondänen Villa habe im Jahre 1905 die Zarenfamilie gewohnt, erklärt Brigitte Will und legt gleich eine kleine Anekdote im Usedomer Platt nach. Und zur Linken, wo das elegante Fünf-Sterne-Hotel strahlt, hätten zu DDR-Zeiten

Plattenbauten gestanden. Dass man sich heute an der Bäderarchitektur wieder so erfreuen kann, sei vor allem denjenigen Bürgern zu verdanken, so Brigitte Will, die sich bei Kriegsende im Jahr 1945 mit weißen Bettlaken den einmarschierenden Russen ergeben hätten. „Sie haben den Ort gerettet“, bekräftigt sie. Benachbarte Orte wie Anklam hingegen, die bis zum letzten Mann kämpften, „wurden platt gemacht.“

Kraftvoll ziehen die Haflinger die Kutsche weiter durchs Schneegestöber. Auf einem kleinen Rondell vor dem Eingang zur Ahlbecker Seebrücke erinnert eine Jugendstiluhr aus dem Jahr 1911 an längst vergangene Zeiten. „Das Geschenk eines Gastes“, erklärt die Ahlbeckerin. Für den Besucher wirkt sie wie ein Symbol des Wandels, der sich allein in den letzten zwanzig Jahren vollzogen hat. „Heute bestehen die Kaiserbäder fast zu 95 Prozent aus Hotelketten und Eigenheimen“, so die Ureinwohnerin. Auf Usedom sei die Dichte an zertifizierten Wellness-Hotels mit 14 Häusern so hoch wir nirgends sonst im Land. Und jedes Hotel lasse sich etwas besonderes einfallen. Von der Sanddornmassage über die Dünenträume bis hin zum Stutenmilchbad. „Und zum alljährlichen Ereignis am Valentinstag“, erzählt Brigitte Will, „stürzen sich 200 Schwimmer in die eiskalte Ostsee“ – wenn das kein Spektakel ist.

Von Markus Howest

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