Wenn die Franzosen Weihnachtszauber erleben wollen, fahren sie ins Elsass

Im Land des Weihnachtsbaums

Der Baum hängt an der Decke: Im Ecomusée d’Alsace im französischen Ungersheim lernt man alte Weihnachtstradition kennen.

Was für eine geniale Idee: Da baumelt der Tannenbaum an einem Seil von der Decke. Er hängt sich automatisch gerade und der Streit um die schiefe Spitze kommt gar nicht erst auf. Rot polierte Äpfel drehen sich an seinen Zweigen und Oblaten flattern im Wind.

Wie er ausgesehen haben mag, der erste Tannenbaum, zeigt derzeit eine Ausstellung im Ecomusée d’Alsace im französischen Ungersheim. Dort hängen die Bäume noch von der Decke, während draußen der Bauer mit seinem Ochsengespann über den Weg zuckelt und die letzten Besorgungen vor dem Fest macht.

Leben auf dem Land vor 100 Jahren – diesem Thema hat sich das Ecomusée als größtes Freilichtmuseum Frankreichs mit seinen 70 historischen Häusern verschrieben. Ein Schmied hämmert ein Hufeisen mit lautem Pling zurecht und eine Magd in langem Leinenkleid und blauem Kopftuch füttert gerade die Esel. Doch hier, in diesem kleinen Fachwerkhaus, ist es still, nur die aufgehängten Bäume bewegen sich.

Die ersten Exemplare hingen im 17. Jahrhundert von der Decke, mit Äpfeln und Oblaten geschmückt, während schon bald pfiffige Handwerker Baumständer fertigten und der Tanne selbst bei schwerer Last guten Halt garantierten.

Mehr und mehr wandelte sich der schlichte Apfel- und Oblatenschmuck in Überfluss: Zuerst kamen Papierrosen hinzu, später Kekse, Zuckerstangen und Kerzen.

„Die Tage waren kurz, die Nächte dunkel und die Menschen suchten Zuflucht vor den dunklen Kräften.

Denise Kayser

„Dass der Tannenbaum mit seinen Äpfeln aber einst an die Vertreibung aus dem Paradies erinnern sollte und die Oblaten an Gottes Liebe und Erlösung – diese Symbolik ist dem wachsenden Dekorationsfieber zum Opfer gefallen“, bedauert Heimatforscherin Denise Kayser. Sie führt im eineinhalb Autostunden vom Ecomusée entfernten Kutzenhausen Besucher durch das kleine Bauernhofmuseum und hält alte Traditionen aufrecht.

Dort hängen nicht nur 24 Walnüsse an Fäden als schlichter Adventskalender an der Tür, Denise Kayser weiß zu jedem Schmuck auch das Warum: Tannen und Stechpalmen wehren mit ihrem Piksen das Böse ab, rote Kerzen und Kugeln stehen für das Leben und Kerzen für das wiederkehrende Licht. „Die Tage waren kurz, die Nächte dunkel und die Menschen suchten Zuflucht vor den dunklen Kräften. Sie hatten kein elektrisches Licht und mussten sich mit Schutzritualen durch die kurzen Tage bringen.“

Dass Weihnachten eine Zeit der Symbole ist, weiß auch der Töpfer Vincent Remmy. Seine Töpferei besteht seit 1568 und gehört zu den ältesten Familienbetrieben Frankreichs. Sie ist eine von 25 Töpfereien in Betschdorf, einem Zentrum des traditionellen Handwerks im Elsass. Er hält einen Krug mit blau-beigen Mustern in der Hand: „Jede Verzierung steht für etwas: Der Halm ist Symbol für Stärke, die Ähre für das tägliche Brot und die Sonnenblume für die Zuwendung zu Gott.“ Während er sich auf Krüge spezialisiert hat, kommen aus dieser Region auch die berühmten Gugelhupfformen, die hier noch per Hand gedreht werden.

Kristallleuchter über den Gassen

Diese Weihnachtstraditionen finden sich im Elsass in jeder Kleinstadt mit Weihnachtsmärkten, Krippen und Handwerksständen. Doch am schönsten ist Straßburg. Die Stadt gilt mit ihren geschmackvoll geschmückten Straßen und zehn Märkten als Frankreichs Weihnachtshauptstadt. Dort hängen sogar echte Kristallleuchter über den Gassen und funkeln wie tausend Sterne. Dass sie Licht in die Zeit der Dunkelheit bringen ist eine Tradition, die bis heute für Weihnachten steht – genau wie der Tannenbaum.

Von Andrea Lammert

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