Aus dem Leben eines Campinghassers

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Tommy in der Urlaubshölle: VW-Bus, Vorzelt und Auslegware. Sein eigenes kleines Kinderzelt nannte er die „Dackelgarage“.

Comedian Tommy Krappweis hat ein Buch über die Urlaube seiner Kindheit geschrieben, das meist, aber nicht immer, sehr lustig ist.

Nein, es ist nicht so, dass der Münchner Tommy Krappweis eine schlechte Kindheit gehabt hätte, so kann man das nicht sagen. Es ist wohl einfach so, dass er Pech hatte und in eine Familie hineingeboren wurde, die nicht zusammenpasste – rein urlaubstechnisch.

Tommy im Sand

Der Vater, Naturbursche aus Passion und Automechaniker bei der Post, packt einmal im Jahr den Campingbus alias „Hippieschüssel“ (Originalton Sohn) voll mit Küchengerät und Vorräten, Schlauchboot und Schnorchel, Vorzelt und Moosgummi-Auslegware, um es sich dann irgendwo im Süden in einem „Heißundscheißeland“ (Originalton Sohn) an einem „draaauuumhaften Platzerl“ (Originalton Vater) gemütlich zu machen.

Für den Sohn aber ist der einzig wahre Standort für die Hippieschüssel die Garage daheim, der einzig akzeptable Platz für einen Urlaub die Wohnzimmercouch und die beste Freizeitausrüstung ein Stapel Pumuckl-Kassetten.

Mama vor Bus

Aber der Filius muss mit, ob er nun will oder nicht. Will er nicht? Da hat der Vater einen ganz klaren erzieherischen Standpunkt: „Man muss die Dinge so lange tun, bis sie Spaß machen.“ Skifahren bei tiefstem Nebel zum Beispiel. Oder Radrennfahren auf mörderisch schmalen Sätteln. Schnorcheln unter Feuerquallen. Und Schlauchboot fahren bei haushohem Wellengang. All das. „Des probier ma mal und dann werst as scho seng“, ist sein Credo aus urbayerischster Camper-Naturburschen-Draufgänger-Seele.

Tommy Krappweis hat’s gesehen. Und ganz klar erkannt: Das war nicht seine Welt. Er hätte, wie er meint, eigentlich einen Therapeuten aufsuchen müssen, um sein Kindheits-Urlaubstrauma aufzuarbeiten. Stattdessen hat er es sich von der Seele geschrieben. Und weil der Mann nicht nur Schriftsteller und Autor ist, sondern auch Komiker von Beruf und Erfinder von „Bernd das Brot“, ist das von der Seele geschriebene Campinghasserbuch größtenteils ziemlich komisch.

An manchen Passagen bleibt einem das Lachen dann allerdings im Hals stecken, weil man merkt, hier ist einfach Schluss mit lustig, hier fühlt sich ein kleiner Junge einfach völlig unverstanden und leidet.

Das Boot

Dass sich Vater und Sohn heute dennoch in die Augen schauen und sich sogar recht gut leiden können, zeigen sie mit diesem Buch ebenfalls, in dem auch Werner Krappweis passagenweise das Wort ergreift und rückblickend auf die Abenteuer von damals sogar Sätze schreibt wie: „Ich gebe es ja auch heute noch nicht gerne zu, aber mir war zum Heulen zumute.“

Ende gut, alles gut? Wo und wie Tommy Krappweis heute Urlaub macht, erzählte er im Interview (s.u.).

Christine Hinkofer

BUCH & AUTOR

"Das Vorzelt zur Hölle"

Tommy Krappweis, geboren 1972 in München, ist Komiker, Autor, Regisseur und Produzent. Für die Erfindung der Kultfigur „Bernd das Brot“ erhielt er 2004 den Adolf-Grimme-Preis. „Das Vorzelt zur Hölle“ ist bei Knaur erschienen (ISBN 978-3-426-78476-1) und kostet 8,99 Euro.

„Eine rustikale Almhütte ohne Strom finde ich entspannend“

Herr Krappweis, haben Sie denn Ihren Urlaub in diesem Jahr schon geplant oder gebucht?

Wenn wir es dieses Jahr hoffentlich schaffen, dann fahren wir ans Meer in ein schönes Hotel. Meine Frau, meine Tochter Finja (3) und ich.

Hat Ihre Tochter ein Mitspracherecht im Urlaub?

Sie hat das große Glück, dass sie beides hat. Meine Frau tendiert in der Richtung meines Vaters, sie will raus, und meine Tochter ist ganz begeistert dabei. Aber sie ist auch begeistert, wenn sie mit mir stundenlang Lego spielen kann. Finja fährt auch zusammen mit meinem Vater und meiner Frau für eine Woche zum Campen. Da muss ich aber dann nicht mit.

Mal ehrlich, war denn wirklich alles schlecht bei den Campingurlauben?

Es gibt Momente, die ich okay fand. Es war immer dann okay, wenn es nicht so war wie sonst. Wenn wir zum Beispiel mal an einem Strand waren, wo es Sand gab und wenn wir nicht die ganze Zeit mit diesem Boot rumgetuckert sind, sondern wenn Ruhe einkehrte und ich in meiner Hängematte liegen und Bücher lesen konnte. Das war dann Urlaub für mich.

Ist der Sinn dieses Buches Traumabewältigung?

Vater und Sohn heute

Bewältigung nicht, ich weiß ja, ich fand’s Scheiße, da muss ich nichts bewältigen. Aber was so drinsteckte war, dass ich meinen Vater besser verstanden hab und er mich, weil wir zusammen dran gearbeitet haben. Auf dieser Basis haben wir zusammengefunden. Wieviel Freude mein Vater an dem Urlaub hatte, hab ich nie richtig verstanden. Es ware einfach nervig für mich. Und er hat unterschätzt, wie genervt ich war.

Die Campingurlaube endeten recht aprupt mit der Scheidung Ihrer Eltern.

Ja, da war ich 12. Mit 16 hat meine Mutter mich und den Thorsten nochmal zum Campingurlaub verpflanzt. Du und dein Kumpel von deiner Schulband, ihr Grottenolme, ihr müsst jetzt raus. Das war sehr bizarr.

Ist eine Rückkehr auf den Campingplatz heute ausgeschlossen?

Mich nervt schon der Gedanke! Es muss ein Vier-Sterne-Hotel sein? Mindestens. Um Urlaub zu machen, mit meiner Familie ja. Da soll alles entspannend sein. Schön halt.

Haben Sie ein Lieblings-Reiseland?

Land kann man nicht sagen, aber eine ganz rustikale stromlose Almhütte, wo man sich selber das Feuer macht, das find ich ganz entspannend. Aber das ist Ihr Vater auf einer anderen Ebene. Richtig, aber es ist kein Campingbus. Ich muss kein Zelt dafür aufbauen. Es sind keine Plastikdinge, die man klappen kann, sondern es hat Flair. Eine Almhütte atmet irgendwie Zeitgeschichte, man kriegt ein Gefühl, wie es ist, in der Natur zu leben. Holz hacken, reingehen, warm machen – großartig! Was ich mittlerweile auch toll finde: Städtereisen, Sachen angucken.

Wenn Sie reisen, wie reisen Sie?

Mit dem Zug oder dem Flugzeug. Wir haben auch ein sehr bequemes Auto.

Waren Sie denn jemals wieder mit Ihrem Vater im Urlaub?

Ich hab wo gedreht, mein Vater kam für ein paar Tage, aber ich war nie wieder mit ihm in Urlaub.

Ist das auch künftig kein Thema?

Nein, wir haben jetzt eine Lesereise zusammen, das finde ich sehr lustig, aber da sind wir dann auch in Hotels. Wenn er mir einmal versucht vorzuschlagen, dass wir im Campingbus hinfahren, schreie ich ganz laut.

Was gehört unbedingt in Ihr Reisegepäck?

Früher mussten das ja die Pumuckl-Kassetten sein... In meinem Koffer ist ein kleiner, sehr praktischer Luftbefeuchter, wegen meiner chronischen Bronchitis. Dann: sehr viele Stromanschlüsse für iPhones, Boxen, um Musik zu hören, die kleine Reisegitarre, Bücher, Zeitschriften und die Kamera und dazu dann auch ein Stativ.

Wie nähern Sie sich einem Land?

Entweder gar nicht oder weil ich da arbeite. Ich würde nie im Leben als Tourist durch Indien reisen und arme Leute besichtigen. Ich habe gar kein Interesse an anderen Kulturen, außer ich habe beruflich damit zu tun. Wigald (Anm. d. Red.: Boning) ist in Thailand ein Star. Da bin ich dann mitten drin und wir machen da was. Das ist okay.

Sie fahren also nicht an die Adria, setzen sich ins Hotel und freuen sich, dass ein Pool davor ist?

Ja, das mach ich schon oder an die Loire, Schlösser anschauen, das schon. Da interessiert mich, wer da mal gewohnt hat, und was es darüber für Sagen und Mythen gibt.

Ein Ranking der schrecklichsten Urlaubsorte?

Das gibt es nicht. Egal wo sie sind auf dieser Erde: alle Heißundscheißeländer.

Interview: Katrin Basaran

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