Der Kletterprofi und Bauingenieur Mustafa lebt auf den Kapverden im Krater unterhalb des Pico do Fogo

Leben im Vulkankrater

Ein eigenes Fleckchen Land ganz für sich allein: Mustafa wohnt mit seiner Frau Marisa und seinem Sohn Sam zu Fuße des 2829 Meter hohen Pico do Fogo. Die Familie hat neben einem Haus und einer Pension auch einen traumhaften Garten, in dem sie Papayas und Tomaten anbauen.

Wie durch einen fruchtbaren Garten schlendert er von Baum zu Strauch. Hier ein Apfel dort eine Quitte, eine Papaya, Kongobohne oder Tomate. Selbst beste Weinreben gedeihen prächtig – in der Chã das Caldeiras, einem riesigen halbkreisförmigen Felskessel in 1600 Metern Höhe gelegen und mit einem Durchmesser von neun Kilometern.

Der Krater unterhalb des Pico do Fogo auf den Kapverdischen Inseln ist die neue Heimat von Mustafa, dem Deutsch-Türken aus Aachen, der seit zwei Jahren mit seiner Frau Marisa und Sohn Sam im gleichnamigen Dorf Chã das Caldeiras lebt. Stolz zeigt Mustafa, der ehemalige Europameister im Speed-Klettern, auf sein Dorf.

Aufgabe: die steile Via Ferrata absichern

In einem ostanatolischen Dorf aufgewachsen kam der Kletterprofi nach Deutschland, um Bauingenieur zu werden. Nach dem Studium spezialisierte er sich auf Sicherungsbefestigungen. Sein Wissen führte ihn auf die Kapverden, wo er im Auftrag der Deutschen Entwicklungshilfe die Via Ferrata, den Kammweg oberhalb der rdeira, jener steilen Felswand, die den Felskessel von Süden nach Westen hin begrenzt, sicherte.

„Ich fühle mich hier zuhause“, bekräftigt Mustafa. „Der Krater vermittelt Geborgenheit und Freiheit zugleich.“ Das sagt einer, der drei Jahre lang Besitzer eines Around-the-world-Tickets war und gratis durch die Welt jettete um neue Klettersteige auszukundschaften. Doch man glaubt es ihm, wie er leicht und beschwingt über das Lapillifeld, jenen kieselgroßen runden Lavabrocken läuft, immer wieder einen Apfel vom Baum pflückt und über das Leben in seinem Krater erzählt.

Als der Vulkan Feuer spuckte

Am Pico Pequeño hält Mustafa inne. Jener kleine Vulkan, der 1995 bei seinem Ausbruch erst entstand. Von seinem Gipfel aus sieht man tief in den Schlund hinein, aus dem die Lava sprühte. Im Umfeld ist das Lavagestein noch heute so warm, dass ein Knäuel Reisig sofort Feuer fängt. Und der Blick wandert hinüber zum Dorf unterhalb der mächtigen Bordeira, vor der die Lavamassen zum Stillstand kamen. Mustafa kennt die Geschichte des letzten Ausbruchs aus den Berichten seiner Frau. Nachts um zwei sei starker Wind aufgezogen und die Erde begann zu beben. Fluchtartig seien die Bewohner von Chã hinaus auf die Felsvorsprünge der Bordeira geeilt.

Alle 1300 Einwohner wurden evakuiert, erst sechs Monate später seien die ersten wieder ins Dorf zurück gekehrt. Verletzte waren nicht zu beklagen, doch die Lava zerstörte einen Großteil der umliegenden Anbauflächen. Für die meisten der Rückkehrer bedeutete dies einen Neuanfang.

Wie Marisa. Sie erfüllte mit dem Aufbau der „Poseida Marisa“, einer eigenen Pension im Ort, einen lang gehegten Traum und ist Vorbild für die Frauen im Dorf. Die zehn Zimmer und das Restaurant bestellt sie zusammen mit ihrer Schwester und den beiden Cousinen. Auch Mustafa ist ein Hoffnungsträger. Er übt mit den vielen jungen Männer in Chã das Bouldern das Klettern ohne Seil und Gurt, lehrt sie als Führer auf Tour zu gehen und die Geschichte ihres Pico zu erzählen.

Mustafa spricht wie ein Vater über seine „Jungs“. Abends, wenn die Sonne hinter der Bordeira versinkt und nur noch der nahe Stromgenerator brummt, steht er mit ihnen vor der Poseida seiner Frau und verteilt Tipps für den nächsten Morgen, wenn sie bei Sonnenaufgang mit Touristen zur Besteigung des Pico aufbrechen, dem mit 2829 Metern zweithöchsten Berg im Nordatlantik.

Von Markus Howest

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.