Mit dem Postschiff entlang der norwegischen Küste auf der Suche nach dem Polarlicht

Lichtjäger am Polarkreis

Jedes Jahr von Oktober bis April reisen sie wieder an, die Wikinger der Neuzeit. Aus allen Teilen Europas versammeln sie sich am Hurtigruten-Terminal in Bergen. Als Waffen tragen sie weder Schilde noch Äxte, um Norwegens Küste zu erobern, sondern Fotoapparate. Sie sind auf der Pirsch nach dem grünen Licht. Längst ist das geenterte Schiff kein Langschiff mit Rudern mehr, sondern die Finnmarken oder eins ihrer zehn Schwesternschiffe, die im Regeldienst in elf Tagen 67 Häfen ansteuert. Von Bergen im Süden des Landes bis zum Nordkap, weiter bis Kirkenes nahe der russischen Grenze und wieder zurück.

Die Wettervorhersage für die nächsten Tage verbreitet Weltuntergangsstimmung. Himmel und Landschaft haben sich in einen milchgrauen Mantel gehüllt. Die Schiffsleitung verbreitet Optimismus: An der Rezeption werden Handzettel verteilt. Sie geben Tipps, wie die Polarlichter am besten zu fotografieren sind. „Kamera auf einen hohen ISO-Wert, Verschlusszeit auf 10 bis 30 Sekunden einstellen“, erklärt Robert aus Berlin drei hilflos drein blickenden Hamburgerinnen: „Den Selbstauslöser benutzen. Den manuellen Fokus auf unendlich....“ Die Hamburgerinnen entschwinden Richtung Panoramasalon. Robert hofft endlich die Theorie in die Praxis umsetzen zu können. Doch bei dichtem Schneetreiben und eisiger Kälte lässt er auch diesen Abend statt an der Reling an der Bar ausklingen.

Die MS Finnmarken nimmt Kurs auf die Lofoten, wo die Nordlichter am schönsten sein sollen. Es schneit unaufhörlich. Die Lichtjäger lassen nichts unversucht für eine sternenklare Nacht.

Geisterbeschwörung

Einige von ihnen verlassen in Stamsund das Schiff, um an einem Jølblot im Wikinger-Haus „Lofotr“ in Borg teilzunehmen. „Jølblot ist eine Opferzeremonie, um die Götter wohlwollend zu stimmen, damit sie die Sonne zurückbringen“, erzählt Wikinger-Häuptling Olav. Die aus der Ferne angereisten Gäste sitzen in einem Raum, der nur durch wenige Kerzen beleuchtet ist.

In der Mitte brennt ein Feuer. Aus dem Dunkeln taumelt eine hexenähnliche Gestalt. In der Hand schwenkt sie einen Kessel und murmelt Unverständliches in das um ihren Kopf geschwungene Leinentuch. Schließlich kippt sie den Inhalt des Gefäßes ins Feuer, das mit einer zischenden Flamme auflodert. Und tatsächlich: im schmalen Troll-fjord hat Odin endlich Mitleid mit den Passagieren der Finnmarken. Im Theater der Natur beginnt die Lichtinstallation.

Wie wehende, grüne Vorhänge schweben die Polarlichter über den Himmel. Robert und alle anderen „Jäger des Lichts“ knipsen und experimentieren bis die Chipkarten glühen oder Akkus in der Kälte streiken. Nur Isolde, eine der drei Hamburgerinnen, hat es aufgegeben, die „Aurora borealis“ zu fotografieren. Sie findet nicht die richtigen Einstellungen an der Kamera. Hätte sie Robert nur zugehört. Also beherzigt sie den wichtigsten Satz aus den Ratschlägen über die Polarlichtfotografie: „Erleben Sie die Schönheit des Nordlichts zuerst mit Ihren Augen und dem Herzen, bevor Sie es durch das Objektiv der Kamera tun.“

Von Dagmar Krappe

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