Eine Tour durch die Filmstadt Berlin

Wo Lola rannte

Hier ist immer etwas los: Der Alexanderplatz ist oft Kulisse für Filmszenen. Foto: Fotolia

Lola rennt in Charlottenburg, kurz darauf schon „Unter den Linden“, sie sprintet über die Oberbaumbrücke in Kreuzberg, dann wetzt der Rotschopf durch Berlins Tiergarten. Alles in 20 Minuten. Denn nur so lange hat Lola alias Franka Potente im Film Zeit, 100 000 Mark für ihren Freund Manni zu besorgen, die dieser seinem Hehler schuldet. „Unmöglich, diese Rennstrecke zu schaffen“, sagt Arne Krasting, der Erfinder und Leiter der Videobustour, während über ihm auf dem Monitor eine Computer-animation den atemberaubenden Zickzackkurs von „Lola rennt“ in einem Berliner Stadtplan nachzeichnet.

Derweil hält der Videobus in Berlins Prachtallee „Unter den Linden“, direkt gegenüber der Humboldt-Uni. Hier ließ Regisseur Tom Tykwer seine Lola 1998 eine Bank überfallen – im Gebäude der heutigen Luxusherberge „Hotel de Rome“. Derselbe Straßenabschnitt diente kürzlich Julia Jentsch als Effi Briest zum Lustwandeln inmitten von Kutschen und herbstlichen Linden im späten 19. Jahrhundert.

Ein paar Meter weiter, am Deutschen Dom, wurde schon vor 76 Jahren gedreht – eine der ersten, noch ruckelig in Schwarz-Weiß gedrehten Verfolgungsjagden des deutschen Films: Emil und seine Detektive sausen im Taxi dem Ganoven Grundeis hinterher, um ihm 140 Reichsmark wieder abzunehmen, die er Emil zuvor im Zug geklaut hatte.

Lola, Effi oder Emil – in Krastings rollendem Kino hat die Hauptrolle immer die Hauptstadt. Kein Fakten-Overkill und keine Endlos-Schleife der Promi-Anekdoten prägen die gut zweistündige Tour, sondern gut erzählte Geschichten und mit Bedacht ausgewählte Filme. Wie etwa „Die Hostess“. Ein weitgehend unbekannter DDR-Streifen über eine „Stadtbilderklärerin“. So hießen Stadtführer auf ostdeutsch. Kaum ein Film zeigt das Ost-Berlin rund um den Alexanderplatz der Siebziger Jahre so authentisch.

Lenin hängt am Haken

Harter Schnitt auf dem Tourbus-Monitor, dreißig Jahre Zeitsprung, diesmal ein ganz anderer „DDR-Film“, ebenfalls gedreht am „Alex“ und der daran anschließenden Karl-Marx-Allee: Auf diese tritt die stramme Kommunistin Christiane Kerner hinaus, erst kurz zuvor aus langem Koma erwacht und daher noch nicht über die längst gefallene Mauer informiert. Frau Kerner wundert sich über West-Autos, IKEA-Werbung und vor allem über eine Lenin-Statue, die scheinbar winkend am Hubschrauber-Haken über ihrem Kopf vorbeifliegt. Die namensgebende Schlüsselszene aus „Goodbye Lenin“.

Graffiti passte nicht ins Bild

In der Wedekindstraße, etwas abseits des Alex, stehen noch rechts und links Häuserzeilen in verwittertem DDR-Grau. Ideale Kulisse für den preisgekrönten Stasi-Streifen „Das Leben der Anderen“. Nur die Graffiti auf den Fassaden störten beim Dreh, so etwas gab es schließlich in der DDR nicht. Also mussten Helfer aus der Filmcrew sie mit grauer Farbe überstreichen, täglich neu, denn Nacht für Nacht kamen die Graffiti-Guerilleros wieder. Darum ist noch heute, fünf Jahre später in der Wedekindstraße ein hundert Meter langer Streifen hellgrauer „Übermalfarbe“ an der Häuserfront zu sehen.

Etwa dreißig Mal pro Tag fällt in Berlin irgendwo eine Filmklappe, erzählt Arne Krasting. Oft liegen die Drehorte nah beieinander – bisweilen mit überraschenden Folgen: im Restaurant Borchers Unter den Linden wollten sich Darsteller aus dem „Baader-Meinhof-Komplex“ in zotteligem 68er-Look stärken und prallten auf zackig gescheitelte, uniformierte Nazis. Kurze Aufregung, dann war klar, die Soldaten kamen vom Set des Stauffenberg-Epos „Operation Walküre“. Eine historische Begegnung, wie sie wohl nur in Deutschlands Filmhauptstadt Berlin möglich ist.

Von Stephan Brünjes

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