Lovund im Nordatlantik: Warum die Norweger so glücklich sind

Ankunft in Lovund: Zwei Berge (einer groß, einer klein) und viele rot-weiße Holzhäuschen. Fotos: Busch

Es war einmal eine Insel mit zwei Bergen, draußen im weiten Meer, kurz vorm Polarkreis, wo die Sommertage endlos, die Menschen naturverbunden, die Lachse köstlich und die Vögel erstaunlich pünktlich sind: Dieses „Lummerland“ könnte in Nordnorwegen liegen und Lovund heißen.

Ein dreieckiger Felsen, hoch aufragend inmitten der lieblichen Schärenlandschaft der Helgelandküste - unverwechselbar, fast abweisend - begrüßt anreisende Schiffspassagiere schon von weitem. Eine halbe Fahrstunde später erscheint typisch norwegisch-ländliches Sommeridyll am Meer: Zwei Berge (einer groß, einer klein), rot-weiße Holzhäuschen verstreut am Ufer, grüne Wiesen unter einem endlos weiten Himmel vom Aquamarin des Nordatlantiks.

Die Lufthoheit über dem Paradies gehört im Frühsommer den Papageientauchern. 200 000 Paare, etwa ein Fünftel der gesamten Population Norwegens, haben hier ihr Brutrevier. Die zu Lande plump wirkenden schwarz-weißen taubengroßen Vögel folgen ihrer inneren Uhr und kommen jedes Jahr exakt am 14. April, dem „Lundkommardagen“ zur Eiablage. Urplötzlich erscheinen sie - pünktlich wie die Hurtigrutenschiffe - einer schwarzen, flirrenden Wolke am Himmel gleich, begleitet vom lautem Sirren tausendfacher Flügelschläge.

In einem gigantischen Geröllfeld ziehen sie ihren Nachwuchs auf. Tagsüber schwärmen sie zum Fischen hinaus aufs Meer, um erst am Abend, wenn die Sonne mit dem Horizont flirtet, an Land zurückzukehren. Mit dem Fernglas gut zu beobachten ist das Spektakel von einem Aussichtspunkt am Fuße der Vogelkolonie, der über einen steilen Pfad vom Ort aus in 30 Minuten zu erreichen ist.

Sivert Olaisen, Chef des einzigen Hotels der Insel, hat studiert in Lillehammer und arbeitet nun an einem nachhaltigen, sanften Tourismuskonzept für seine Heimatinsel. Gemeinsam mit seinem Vater Torgrim, der sein ganzes Leben auf Lovund verbracht hat und in einem rot-weißen Holzhaus am Ortsrand lebt. Mit dem Kauf einer schlichten Wanderer-Herberge 1988 legte der 70-Jährige den Grundstein für das einzige Hotel der Insel.

Vater und Sohn liegt der verantwortungsvolle Umgang mit der Natur und ihren Ressourcen am Herzen – dazu gehört vor allem der Schutz der Papageientaucherkolonie. Die Balz der lustigen Vögel beginnt schon auf dem Meer, nur zum Brüten kommen die Paare an Land. Ein einziges Ei legt jede Papageientauchermama ins gut ausgepolsterte Nest. Ihre Gäste bitten die Olaisens denn auch inständig, auf törichte Fotosafaris jenseits der Absperrung zu verzichten, damit die fliegenden Clowns auch in Zukunft Lovund treu bleiben.

Nicht nur die Vögel, auch die 500 Bewohner haben gute Gründe, ihre Insel mit den zwei Bergen zu lieben. Die Auswirkungen, welche die Investitionen des norwegischen Sozialstaates mit seinem Ressourcenreichtum in die Zukunft seiner Bürger haben, werden auch hier, auf diesem winzigen Felsen weit draußen im Nordmeer, deutlich. Nicht umsonst führen die Norweger die Länderliste des Weltglücksberichtes 2017 an. Laut Sivert Olaisen herrscht auf Lovund Vollbeschäftigung und die Bevölkerungsentwicklung sei trotz der Abgeschiedenheit des Eilandes auf einem sehr guten Weg: Immer mehr Familien kommen her. „84 Kinder besuchen derzeit auf Lovund die Schule bis zur 10. Klasse und es gibt einen Kindergarten mit 55 Kindern,“ sagt Olaisen stolz.

Derlei Wachstum verdankt die Insel vor allem dem Lachs, oder besser: der Lachsfarm „Nova Sea“. Bis zu 150 000 der silbrig glänzenden, bei Schlachtreife mit 2,5 Jahren jeweils je fünf Kilogramm Kilo schweren Fische tummeln sich in jedem der rund 360 Aquakultur-Käfigen an 34 Orten vor der Helgelandküste.

Seit 1972, als Lachsfarmer Steinar Olaisen, Bruder des Hotelgründers, die ersten 1200 Junglachse via Flugboot auf die Insel brachte und mit der Aquakultur in Käfigen experimentierte, hat sich das von ihm gegründete Unternehmen „Nova Sea“ mit 150 Beschäftigten zum größten Arbeitgeber der Insel entwickelt. 50 000 Tonnen Lachse aus Lovund werden jährlich in alle Welt verschickt.

Bei der Entwicklung des Tourismus herrscht dagegen wohltuende Zurückhaltung. Souvenirshop? Fehlanzeige. Postkarten und nette Papageientaucher-Accessoires führt das Hotel. Im Ort gibt es eine kleine Tourist-Info, einen Lebensmittelladen, eine Kirche und einen Pub. Die Schiffsanlegestelle ziert ein handgemaltes „Velkommen til Lovund“-Schild.

Dafür ist der Wanderweg auf den höchsten Punkt der Insel, den 625 Meter hohe Lovundfjellet (der Nøva-Gipfel nebenan misst „nur“ 205 Meter), gut markiert. Von der Ostseite kommend, ist er in zwei Stunden zu besteigen. Wer den steilen Pfad bewältigt, wird mit überwältigender Aussicht belohnt.

Man guckt und staunt und versteht immer besser, dass diese Insel, die so viel von „Lummerland“ hat, ein Ort ist, wo man dem Weltglücksgefühl der Norweger sehr nahe kommen kann.

Obwohl es keine Eisenbahn gibt.

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