Travemünde vor der Saison: Neue Perspektiven, alte Traditionen und urige Typen

Lübecks schöne Tochter

Herausgeputzt: Die feine Vorderreihe in Travermünde. Fotos: Schiller

Noch reißen an manchen Frühlingstagen heftige Böen Baumwurzeln aus dem Brodtener Steilufer und draußen in der Lübecker Bucht ist die hohe Zeit des Herings. Aber schon bald wird der Butt dicker, und wenn Harry Lüdtke, wie seit Jahrzehnten, mit dem Kutter „Christoph“ zwischen Vorderreihe und Priwall dem Travemünder Fischereihafen entgegen tuckert, warten dort schon seine Stammkunden.

Sie kommen für einige Tage an die Travemündung, mieten sich einen Strandkorb oder radeln vom Priwall aus ein paar Kilometer nach Osten, auf Entdeckungstour ins benachbarte Mecklenburg. Und am letzten Tag fahren sie mit Harrys frischem Fisch im Gepäck wieder nach Hause.

Travemünde war einst Deutschlands mondänstes Ostseebad: Im Casino zwischen Strand und Kaiserallee haben in den besten Zeiten der Reeder Onassis und der Schauspieler Curd Jürgens gern mal alles auf eine Zahl gesetzt, und im Nachtklub „Belle Etage“, hat Josephine Baker die Stimmung auf den Siedepunkt gebracht. Nachdem der Rausch der Wirtschaftswunderjahre verflogen war, schlummerte Travemünde über Jahrzehnte vor sich hin. Doch jetzt ist Lübecks schöne Tochter aufgewacht und hat sich rausgeputzt. Zum Beispiel an der neuen Strandpromenade, deren nördlicher Abschnitt vom 22. bis 24. Juni mit einem Fest eingeweiht werden soll.

In der Alten Vogtei, dem ältesten und schönsten Haus an der Vorderreihe arbeitet die Malerin Ninette Mathiessen. Ihre Motive liegen sozusagen vor der Haustür, Fische, Krebse, Segel, Strandhafer und das Meer. Die fröhliche Künstlerin hat handfeste Beziehungen zur See und zur Schifffahrt: Ein paar Jahre hat sie auf Aida-Dampfern als Animateurin und Entertainerin die Passagiere bei Laune gehalten.

Viel sehen an der See

Die Menschen sind es, die den Reiz des charmanten Seebads ausmachen. Auch Burkhard Wunder gehört dazu, ausgebildeter Märchenerzähler und einer der Hüter des ältesten Leuchtturms Deutschlands. Als Seebär verkleidet, verblüfft er seine Gäste mit Fakten und Schnacks über das Leuchtfeuer, das 433 Jahre lang in die Lübecker Bucht gestrahlt hat. Erst seit 1973 leuchtet ein automatisch gesteuertes Signal auf dem Dach des Maritim-Hotels, in dessen Schatten der rote Turm seither steht, den Schiffen heim.

Travemünde ist auch SehBad: Schiffe gucken ist wohl die Lieblingsbeschäftigung aller Besucher. Papierfrachter aus Finnland, Großfähren aus Schweden und manchmal sogar Kreuzfahrtriesen wie die „Queen Elizabeth“ gleiten vorbei. Drüben auf der Halbinsel Priwall, wo früher ein paar Meter landeinwärts die innerdeutsche Grenze verlief, liegt die Viermastbark „Passat“, vor 101 Jahren in Hamburg gebaut, 1959 für immer in Travemünde Anker gegangen. Kapitän Ulf Sack ist einer der Passat-Erklärer, die mit Leidenschaft und Wehmut die rauen Zeiten der Salpeterfahrer lebendig werden lassen.

Samstagabend: Die letzten Sonnenstrahlen leuchten die Lübecker Bucht aus. Die Gäste im Restaurant „Über den Wolken“, im 26. Stock des Maritim-Hotels schauen wie gebannt aufs glitzernde Wasser – was für eine Bühne der Sehnsucht. Aber weit und breit ist kein Schiff zu sehen. Und dann, wie von der Regie bestellt, schiebt sich auf einmal ein Kutter vor den roten Ball. Es ist, das Fernglas beweist es, Harry Lüdtkes „Christoph“ auf dem Heimweg.

Von Bernd Schiller

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