Die Modemetropole Antwerpen stellt sich selbstbewusst mit London, Mailand und New York auf eine Stufe

Madonna im Designerkleid

Einkaufsparadies: Edle Kaufhäuser aus der Belle Epoque und Designergeschäfte mit eigener Champagnerbar lassen die Herzen der Einkaufstouristen höher schlagen. Aber auch alle bekannten Mode-Ketten sind in den Einkaufsstraßen mit extragroßen Filialen vertreten.

Romain Brau trägt T-shirt, Jogginghose und Schuhe, die aussehen wie verlängerte Birkenstocksandalen. Ein Stirnband hält seine schulterlangen Locken im Zaum. Der 27-jährige ist kein Ökofreak sondern Designer. Gemeinsam mit seiner Kollegin Anna Kushnerova hat er einen der angesagtesten Läden in Antwerpen eröffnet. Auf einer Fläche von 800 Quadratmetern bieten die beiden Klamotten, Bücher, Musik und Kunstobjekte an.

Keine Kleiderordnung

Sein Lieblingsstück? „Oh, das ist schwierig“, sagt Romain und überlegt kurz. Dann nimmt er ein weites Samt-Oberteil mit Goldnaht vom Bügel, das man sich gut für eine schwangere Frau beim Opernbesuch vorstellen kann, und hält es sich vor die Brust. In der Modestadt Antwerpen kann das edle Teil jeder tragen – zu jeder Gelegenheit. Denn dort gibt es keine Kleiderordnung.

Auch mal im Schlabberlook

Antwerpen ist ein frischer Diamant im Schmuckkästchen der Modemetropolen und misst sich keck mit London, Mailand und New York. Obwohl in der Stadt an der Schelde drei viertel aller Rohdiamanten geschliffen, poliert und verkauft werden, verzichtet sie auf den luxuriösen Glamour der Konkurrenzstädte. Niemand wird dort schief angeguckt, wenn er in Schlabberlook und Turnschuhen zur Modenschau sprintet, oder in Kostüm und Highheels in die Pommesbude trippelt.

Prominente Kunden

Die Karriere als Modestadt begann Ende der 70er-Jahre als sechs Antwerpener Designschulabsolventen in London auf sich aufmerksam machten. Heute sind die Kollektionen der „Six of Antwerp“ in der ganzen Welt bekannt und sogar im Modemuseum zu bewundern. Antwerpener Designer entwarfen schon Kleidung für das schwedische Königshaus ebenso wie Trikots für Fußballer von Inter Mailand oder Bühnenklamotten für U2, Björk oder Lady Gaga.

Dabei schert man sich dort nicht um Trends. Das tat Rubens auch nicht, als er zu seinen Lebzeiten einen Palast im italienischen Palazzostil bauen ließ. Heute ist es das bestbesuchte Museum der Stadt.

10 000 Paar Handschuhe

Einen Besuch wert sind auch die traditionellen Antwerpener Geschäfte, wie der Handschuhladen in der Lombardenvest mit 10 000 Handschuhen und die Chocolaterie Burie, die seit Jahren Kult ist: mal ziert eine zwei Meter hohe Giraffe das Schaufenster, dann ein originalgetreuer Nachbau des Opel Corsa aus Schokolade, dessen Herstellung genauso teuer wie das Original gewesen sein soll.

Nicht tragbar aber Kunst

Besonders begehrt sind die Modenschauen im trendigen Hafenviertel ‚Eilandje’. Dort ist jedes Kleid ein Gemälde – nicht von Rubens, sondern von Kandinsky. Über den Laufsteg stolzieren dünne Mädchen, die aussehen wie bunte Geschenkverpackungen mit überdimensionalen ausgefahrenen Lippenstiften auf den Köpfen, die Schuhe aus Legosteinen gebaut. Männer, denen Goldkettchen aus den Mundwinkeln hängen, schreiten auf Plateausohlen den Catwalk entlang. Absolute Kunstwerke. Jedes Jahr beweisen die Designstudenten damit ihre Kreativität und ihren Mut.

Madonna im Designerkleid

Auch Rudi Mannaerts ist mutig. Er ist Priester in der katholischen St. Andreas-Kirche und ziemlich unkonventionell. Er hat nicht nur einen Boxsack in die Kirche gehängt, damit man sich die Wut auf Gott – die jeder mal hat – wegboxen kann, sondern er hat im Modejahr Stardesignerin Demeulemeester beauftragt, eine Marienstatue – die bis dahin in ein barockes Gewand gehüllt war – neu einzukleiden. Nun trägt sie ein elegantes Abendkleid mit schwarzen dünnen Kordeln und einem Dekolleté aus Federn. Seitdem wird die Kirche besonders gern von Shopping-Touristen besucht.

von Monika Hippe

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