Karfreitag wird in Soller auf Mallorca der Weg Jesu nachgestellt

Männer mit Kapuzen

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Sorgt für die passende Atmosphäre: Die Jugenstilkirche in Soller wird zur Prozession von Gaslaternen angeleuchtet.

In der Semana Santa, der Karwoche, zelebrieren die Einwohner Sollers die Passion Christi mit einer düsteren Büßer-Prozession durch die Straßen und Gassen der Stadt.

Als die Dämmerung über dem Dorfplatz hereinbricht, gehen die Gaslaternen an und beleuchten die verspielte Fassade der Jugendstilkirche. Gedämpfte Gesänge sind hinter den Türen zu hören. Plötzlich entsteht Unruhe. Die Kinder, die eben noch lärmend am Springbrunnen gespielt haben, vergessen ihre Bälle, selbst die Alten erheben sich mühsam aus ihren Korbsesseln und versammeln sich vor den Kirchenstufen. Einige Waghalsige klettern auf Bäume und Laternen, denn niemand will das Schauspiel verpassen.

Endlich öffnen sich die Kirchentüren. Unter dem Klang von Trommeln und Gesängen erscheinen Gestalten, die eine Mischung aus Erschrecken und Faszination hervorrufen. Ihre Umhänge reichen bis zum Boden, die Gesichter sind durch hohe Kapuzen vollständig verhüllt, nur durch schmale Sehschlitze sieht man Augen blitzen.

Gemessenen Schrittes verlässt die seltsame Prozession die Kirche. Ein schnelleres Tempo ist auch gar nicht möglich, schließlich tragen einige von ihnen zentnerschwere Holzladen auf den Schultern. Darauf stehen riesige Heiligenfiguren, Engel mit goldenen Flügeln, die Gottesmutter mit dem Jesuskind auf dem Arm – und schließlich ein blutüberströmter Christus mit Dornenkrone auf dem Kopf.

Vermummte Figuren und bedrohliche Rhythmen

Diese fromme Last zu tragen ist eine besondere Auszeichnung. Monatelang haben die verschiedenen Bruderschaften diesen Umzug vorbereitet und mit Hingabe ihre Figuren gestaltet. Deshalb tragen sie auch ihre eigene bunt bestickte Fahne vor sich her. Eine Blaskapelle spielt Kirchenlieder, die Menschen auf dem Platz singen voller Inbrunst mit. Der Zug verteilt sich in alle Richtungen. Die Musik entfernt sich, kommt dann wieder näher und verschwindet schließlich. Plötzlich kommt eine Gruppe um die Ecke, vermummt wie zu den Zeiten der Pest. Der Trommler schlägt einen dumpfen, bedrohlichen Rhythmus. Schweigend zieht die Gruppe vorbei.

Zu viel Freude darf nämlich nicht aufkommen, schließlich ist dies ein trauriger Tag. Das wird spätestens klar, als der leibhaftige Jesus auftaucht. Er ist nur mit einem dünnen weißen Umhang bekleidet, viel zu dünn für diese kühle Nacht. Barfuß läuft er über die kalten Pflastersteine, bei jedem Schritt klirren die eisernen Ketten an seinen Füßen. Auf dem Kopf trägt er eine echte Dornenkrone, auf dem Rücken lastet ein schweres hölzernes Kreuz. Immer wieder bleibt er stehen, um auszuruhen. Knechte und Trommeln treiben ihn jedes Mal weiter. Dreimal wird er heute Nacht auf seinem Weg mit dem Kreuz stürzen, so wie es in der Bibel beschrieben ist.

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