Die Thousand Islands-Region, eine südkanadische Flusslandschaft bietet Ruhe und viele Überraschungen

Das Märchen der 1000 Inseln

George Boldts Märchenschloss: Boldt Castle wurde vor dem Verfall gerettet.

Es war einmal ein kleiner Junge, sein Name war Georg. Seine Eltern waren bitterarm, und darum zogen sie von einer deutschen Insel ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Georg wurde schon bald „Dschordsch“ gerufen, musste als Tellerwäscher in feinen Hotels hart arbeiten.

Eines Tages traf er einen sehr reichen Mann. „Komm in mein neues Hotel in der Stadt mit den höchsten Häusern“, sagte er – „es wird bald fertig sein, und du sollst es leiten.“ So geschah es. George war schon bald Millionär und glücklich verheiratet. Seiner über alles geliebten Frau Louise kaufte er eine Insel und ließ sie so umgestalten, dass sie von oben aussah wie ein Herz. Darauf baute er ihr ein Schloss mit 120 Zimmern.

Nein, kein Märchen, sondern eine wahre Geschichte. George Boldt, 1864 als Emigrant von Rügen nach New York gekommen, stieg wirklich vom Küchenhelfer zum Manager des Walldorf-Astoria auf und wurde 1895 auf der Suche nach einem standesgemäßen Landsitz 500 Kilometer nördlich an der kanadischen Grenze fündig, in der Thousand Island Region – ebenso wie andere Millionäre, die sich auch Schlösser auf ihre frisch erworbenen Inseln setzen ließen.

Die Landschaftskulisse ist noch wie damals: Villen mit weißen Veranden ducken sich unter Ahornbäumen auf den insgesamt gut 1793 Inseln. Schnittige, teakfarbene Edel-Motorboote ziehen Gischt-Streifen durchs blaue Wasser. Verträumte, am felsigen Ufer klebende Orte wie Rockport haben nur einen Laden. Eine vom Massentourismus noch unentdeckte Urlaubsregion für ruhesuchende Skipper und Radler, stellenweise „very british“: Ein „Little Ben“ gongt gravitätisch – den Sound seines großen Londoner Bruders kopierend – die Uhrzeit über Inseln und die mit Säulen und Türmchen bewehrten viktorianisch Herrenhäuser von Gananoque. Dieses 5000-Seelen-Städtchen ist der ideale Ausgangspunkt für Touren durch die Thousand Islands-Region.

Der kürzeste Trip führt quasi direkt zum lieben Gott – mit Schwimmweste und Geoff Pratt als Wasser-Taxifahrer: Der gemütliche Mitsiebziger schippert Gäste per Motorboot zum Bostwick Island in die Halfmoon Bay, eine sichelförmige Bucht mit Granitkanzel und Piano. Mehr braucht´s nicht für einen sonntäglichen, ökumenischen Gottesdienst. Seit 125 Jahren kommen die Menschen mit Außenborder-Nussschalen und Kajaks. Die Kollekte wird per Kanu eingesammelt.

Seemansgarn und Kormorane

Eine gute Stunde braucht der Ausflugsdampfer ab Gananoque bis Boldt Castle. Der Käpt’n unterhält seine Gäste derweil mit Seemannsgarn, zeigt Kormoran-Kolonien, majestätisch kreisende Seeadler und die mit knapp zehn Metern angeblich kürzeste internationale Brücke der Welt (zwischen einer kanadischen und einer US-Mini-Insel). Kurz dahinter, backbord: Ein rotes Dach, übersät mit Zinnen und Türmchen, darunter grobe, graue Felssteinfassaden mit 365 Fenstern – George Boldts Märchenschloss.

Am Valentinstag 1904 wollte er es seiner Louise schenken, doch leider starb sie einen Monat vorher. Boldt war erschüttert, ließ den Bau sofort stoppen und betrat seine Insel nie wieder. Bis 1977 verfiel die Schlossruine. Seitdem wird sie für gut 20 Millionen Dollar wieder aufgebaut. Der halbrunde, helle Ballsaal, die plüschigen Schlafgemächer und das majestätisch-marmorne Treppenhaus sind schon zu besichtigen. Zum Schluss noch schnell ein Mitbringsel besorgen: Eine Flasche „Thousand Island Dressing“, das angeblich in dieser wunderbaren Landschaft erfunden wurde.

Von Stephan Brünjes

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