Der Hamburger Friedhof Ohlsdorf ist der größte Parkfriedhof der Welt

Märchen an den Gräbern

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Geschichten über das Leben und den Tod: Der Märchenerzähler Jörn-Uwe Wulf trägt an den Gräbern des Ohlsdorfer Friedhofs Geschichten vor.

Ein Spaziergang über den Hamburger Friedhof Ohlsdorf, dem größten Parkfriedhof der Welt.

Hielte ich ihn fest, bliebe nichts davon zurück. Zarter Schmetterling.“ Mit diesem kurzen japanischen Gedicht beendet Jörn-Uwe Wulf seinen Rundgang am Grab einer griechischstämmigen Familie. Als Sinnbild der Befreiung aus dem Körper und der Unsterblichkeit der Seele ist in den Stein ein Falter gemeißelt. Seit 2005 zieht der professionelle Märchenerzähler über den Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg und erzählt Geschichten über Leben und Tod. Besinnliche, anrührende, aber auch ein wenig humorige Texte trägt er an dazu passenden Grabsteinen vor.

Der Ohlsdorfer Friedhof ist der größte Parkfriedhof der Welt. Er ist Hamburgs größte Grünanlage mit 450 Laub- und Nadelgehölzarten, 36 000 Bäumen und 15 Teichen. Ihn zu Fuß zu erkunden, würde Tage dauern, er ist so riesig, dass man sie sogar mit dem Auto durchfahren darf. Durch fast 400 Hektar zieht sich ein 17 Kilometer langes Straßennetz. Und doch ist der Ohlsdorfer Friedhof eine Oase der Ruhe inmitten der Großstadt. Bei geführten Themenrundgängen, Radtouren und mit Märchenerzähler Jörn-Uwe Wulf kann man ihn erkunden.

Eine Oase der Ruhe

„Der erste Friedhofsdirektor Wilhelm Cordes wollte einen romantischen Park nach dem Vorbild eines englischen Gartens mit vielen Bäumen, Teichen, kleinen Hügeln, Rosen und Rhododendren gestalten“, berichtet Wulf: „Es sollte nicht nur Bestattungsfläche, sondern auch ein Erholungsort für Trauernde sein.“

Fünf Märchen erzählt er während des Rundgangs. Er beginnt mit der Geschichte der beiden Bauern Jean und François in der Bretagne. Sie endet damit, dass Jean seinem verstorbenen Freund einen letzten Dienst erweist, um ihm das Loslassen zu erleichtern. Dazu hat Wulf einen sehr alten Grabstein gewählt, der als Patengrab ausgewiesen ist.

„Seit 1990 kann man kostbare Grabmäler erwerben, die nicht mehr im Familienbesitz sind, und sie für neue Bestattungen nutzen. So werden sie vor dem Verfall bewahrt.“ 2000 Engel schmückten vor Jahren noch viele Gräber. Heute sind es noch 160. Die meisten haben einen Palmwedel in der Hand, der Trost geben soll und als Zeichen der Auferstehung gilt. Zu Füßen liegt oft eine Rose – Symbol der Liebe.

Die Prominenten sind nicht leicht zu finden

Eine Prominentenecke, wie auf vielen großen Friedhöfen üblich, gibt es in Ohlsdorf nicht. Um die Gräber oder Urnen von Hans Albers, Reeder Albert Ballin, Heinz Erhardt, Zoogründer Carl Hagenbeck oder Inge Meysel zu finden, sollte man einem detaillierten Prospekt mitnehmen, den es kostenlos im Infohaus am Haupteingang gibt.

Vor einem eingefriedeten schwarzen Grabmal mit Immortellenkranz erzählt Jörn-Uwe Wulf das Märchen von der gütigen Alten, die in einem windschiefen Haus mit einem großen Garten lebte. Sie verhandelte mit dem Tod, dass sie ihn dreimal rufen dürfe, bevor er sie hole. Dieses Märchen habe er mal auf einer Trauerfeier vorgetragen, die ein junger Mann für seine Tante ausrichtete, sagt Wulf: „Sie war sehr lebenslustig, betrieb mehrere Pornoläden auf der Reeperbahn und war nach einer Zigarette auf der Krankenhaustoilette am dritten Herzinfarkt verstorben.“ Auch sie hatte den Tod dreimal gerufen. Eine wahre Geschichte.

Service

Friedhof Ohlsdorf Fuhlsbütteler Str. 756, 22337 Hamburg T 0 40 / 59 38 80 www.friedhof- hamburg.de/ohlsdorf
Öffnungszeiten: April bis Oktober von 8 bis 21 Uhr, November bis März von 8 bis 18 Uhr. Friedhofsmuseum: So, Mo, Do, 10 bis 14 Uhr Kolumbarien: Mo - bis Fr, 9 bis 16 Uhr, Sa/So, 10 bis 15 Uhr Pläne zu drei einstündigen Spaziergängen und zu Prominentengräbern gibt es kostenlos im Infohaus.

Angebote auf dem Ohlsdorfer Friedhof:
• Die Märchenspaziergänge „Nord, Süd oder Wasserturm“ finden von Mitte April bis Mitte September zu bestimmten Terminen statt. Dauer jeweils 1,5 Stunden. Preis: 10 Euro pro Person.
Informationen unter www.maerchenraum.de, Anmeldung unter T 0 41 02 / 8 88 26 57, info@maerchenraum.de
• Führungen durch den „Garten der Frauen“ von Mitte Mai bis Ende September, sonntags um 15 Uhr. Informationen unter T 0 40 / 5 60 44 62, www.garten-der-frauen.de
• Zwischen April und Oktober gibt es drei unterschiedliche zweistündige Themenrundgänge der Hamburger Gästeführer: Ohlsdorfer Friedhof – Engel im grünen Paradies, Ohlsdorfer Friedhof – Bürgermeister und hanseatische Persönlichkeiten und Ohlsdorf – mehr als ein Friedhof (mit dem eigenen Fahrrad). Preis: 8 Euro pro Person Informationen unter: www.hamburger- gaestefuehrer.de, T 0 40 / 6 01 01 00 oder 0 40 / 6 01 84 80

Literatur: „Der Ohlsdorfer Friedhof“ - Ein Handbuch von A - Z, Edition Temmen, 14,90 Euro.

Von Dagmar Krappe

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