Wer Victoria, die Hauptstadt der Mittelmeerinsel Gozo, erkundet, sollte sich Zeit lassen

Maltas kleine Schwester

Schutz vor Piraten: Früher mussten alle Bewohner von Gozo in der Zitadelle übernachten, weil nachts die Freibeuter über die Insel herfielen und die Einwohner verschleppten. Foto: Seger

Schmucke Sandsteinhäuser, zwei Opern und eine Festung: Die Hauptstadt von Maltas Nachbarinsel Gozo könnte mit ihren Pfunden wuchern, aber sie tut es nicht. Ganz ruhig und beschaulich geht es im 7000-Einwohner-Städtchen Victoria zu.

„Das war nicht immer so“, sagt Dione Lautier. „Denn bis 1637 mussten hier alle Bewohner innerhalb der Zitadelle übernachten – aus Angst vor Piratenüberfällen“, erzählt der junge Barbesitzer im Zentrum der Altstadt.

Das Häuserviertel liegt am Fuße der wuchtigen Schutzburg. Es besteht aus mehrstöckigen Sandsteingebäuden mit blassgelben Fassaden und vornehm verglasten Holzbalkonen. Aber auch kleine Ladengeschäfte, Agenturen, Bars und Cafes sind bei einem Spaziergang zu entdecken.

Stress und Hektik scheint es in Victoria nicht zu geben: Dort lassen sich noch plaudernde Männer beobachten – und ältere Damen, die sich zum Klöppeln feinster Spitzen treffen. Ganz zwanglos sitzen sie vor einigen Haustüren, um die filigranen Deckchen, Rüschen und Zierbänder für den vormittäglichen Markt am „It-Tokk“ herzustellen.

Der unscheinbare Platz an der „Republic Street“ lockt werktags bis zu 100 Händler an. Sie verkaufen handgefertigte Pullover, Stolas und Klöppelspitzen, aber auch Obst und Gemüse. Sogar Thymian-Honig und gozischen Wein gibt es dort.

„Aber die meisten Urlauber zieht es hinauf zur Festung“, sagt Dione Lautier. Die Zitadelle ist der Touristenmagnet Victorias: Wuchtig erhebt sie sich mit ihren schroffen Sandsteinmauern, Kurtinen und kanonenbewehrten Bastionen auf dem flachen Tafelberg oberhalb der Altstadt. „Die Ritter des Johanniterordens ließen sie 1599 zur Festung ausbauen, um die Bevölkerung Gozos vor den Piraten zu schützen“, erzählt der Barbesitzer – denn 1551 war es den Freibeutern gelungen, die meisten Einwohner der Mittelmeerinsel gefangenzunehmen und auf die Sklavenmärkte Nordafrikas zu verschleppen. „Aber diese Zeiten sind ja glücklicherweise vorbei“, sagt der Wirt.

Heutzutage stürmen Urlauber die Zitadelle, schlendern durch die engen Festungsgassen, um einen Blick in die frühbarocke Santa Marija-Kathedrale zu werfen und die Souvenirläden der Prison Street zu erobern. Später geht es an die Wehrmauern um von dort die terrassierten Gemüsefelder und sanften Tafelberge Gozos zu fotografieren.

Bei Ausflügen könnten Urlauber auch die steinzeitlichen Tempelruinen von Ggantija besuchen. Beliebte Wanderziele sind die Calypso-Grotte und der ausgehöhlte Küstenfelsen des „Azur Window“ – aber die meisten Urlauber haben wenig Zeit: Denn sie kommen als Tagesgäste von der Nachbarinsel Malta und bleiben nur einige Stunden.

Von Martin Seger

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