Mehr als Meer

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Adrett: Bunt gestrichene Häuser und ordentliche Plätze und Gässchen machen Caorle zu einem beliebten Ausflugsziel.

Irgendwo Sand in Sicht? Nur hier und da ein paar Flecken. Dafür jede Menge Riesenpilze in blau, grün und orange. Sie verstellen die Blicke auf den Strand von Lignano. Denn schon morgens vor neun hat dort der mediterrane Abschirmdienst ganze Arbeit geleistet und jede Liege mit einem kühlen Schattenkreis versorgt. Rund 12 000 Sonnenschirme stehen stramm wie angetretene Soldaten auf der acht Kilometer langen Halbinsel Lignano, gut achtzig Kilometer nördlich von Venedig.

Überzeugend auf den zweiten Blick

Klingt nach Teutonengrill, ist aber keiner. Denn erstens sind wenig Deutsche dort, sie kommen zahlenmäßig erst nach Italienern und Österreichern. Und zweitens: Anders als etwa bei den Adria-Nachbarn Jesolo und Bibione fehlen in Lignano die bei Grill-Teutonen so beliebten Zutaten wie Sangria-Eimer und Gröl-Gelage. Ruhige, vielfach in Pinienwäldchen gelegene kleine Hotels und Chalet-artige Apartment-Häuser in schmalen Gassen dominieren den Ort. Vor gut fünfzig Jahren sagte er sich mit einem kleinen Aufstand von der nächstgrößeren Stadt Latisana los und begann seinen Aufstieg als Seebad.

„Alles ziemlich von gestern hier“, lautet daher wenig überraschend das Vor(läufig)-Urteil nach dem ersten Blickkontakt. Wegen der Muschelnetz-Deko samt Tropfkerzen und bemalter Rettungsringe im „Ristorante Santin“. Wegen lila angestrahlter Sechziger-Jahre-Springbrunnen am Verkehrskreisel und einiger nach Siebziger-Jahre-Urlauberschließfächern aussehenden Hotels. Doch schon der zweite Blick zwingt zur Urteils-Revision: Alles ist ziemlich gepflegt, renoviert und preiswert, nicht überlaufen und sehr kinderfreundlich. Letzteres natürlich vor allem wegen der Badewanne Adria, die selbst 300 Meter vom Strand entfernt kaum knietief und lauwarm ist. Familien mit größeren Kindern landen gern im Riesenspaßbad „Aquasplash“ oder im „Gulliverlandia“ inmitten von haushohen Dinos.

Vielleicht hat Schriftsteller Ernest Hemingway das alles schon vorausgesehen, als er Lignano das Etikett „Italiens Florida“ verpasste. Vielleicht hat der US-Literaturnobelpreisträger aber auch nur den scheinbar endlosen Sandstrand gemeint, damals zu Beginn der 50er-Jahre. „Vielleicht war er aber auch gar nicht hier“, sagt Pierfrancesco Bocus augenzwinkernd. Er ist Präsident des Hotelverbandes von Lignano und hat schon so viele Geschichten rund um Hemingway gehört. Auch die, dass man dem Autor von „Der alte Mann und das Meer“ – passend zum Titel seines bekanntesten Werks – ein strandnahes Grundstück geschenkt habe. In der Hoffnung, er werde seinen Alterssitz draufbauen und in Lignano bleiben. Hemingway kam nie wieder und ist doch geblieben. Als Namensgeber für einen Park sowie für Lignanos alljährlich verliehenen Literaturpreis. Und als unsichtbarer Reisebegleiter, denn in der Umgebung stößt man immer wieder auf Hemingways Spuren.

Der Schriftsteller ist allgegenwärtig

Im gut vierzig Kilometer entfernten Caorle etwa. Auf „Hemingway-Art“ werde der Fisch hier zubereitet, verkündet ein verwittertes Holzbrett am Ristorante „Da Nappa“. Nach dem genauen Rezept gefragt, lächelt der Kellner mit wegwerfender Handbewegung: „Das war mal so ein Gag“, sagt er – wohl wissend, sein gebratenes Dornhai-Filet ist so lecker, dass man den Hemingway-Style schnell vergisst.

Trotzdem: Allerlei Touristen machen nach dem Studium der „Da Nappa“-Speisekarte sofort kehrt. Weil da dick und selbstbewusst „No Pizza!“ draufsteht. Angenehmer Nebeneffekt: Das Lokal ist nicht überfüllt, bietet stets den besten Blick auf die Piazza San Pio X, den zentralen Puppenstuben-Platz Caorles mit Eisdiele, Souvenir-Laden und – wie der ganze Ort – kräftig-bunten Fassaden à la Tuschkasten. Beim Verdauungsspaziergang an der Promenade glaubt man schon wieder Ernest H. ins Gesicht zu blicken, doch diesmal ist es das von Meeresgott Neptun, in einen Felsen der Uferbefestigung gehauen. Denn jedes Jahr lädt der Ort Caorle Künstler ein, die nach und nach immer mehr der schroffen Brocken mit Gesichtern, Delphinen, Meerjungfrauen und anderen Skulpturen veredeln.

Reisetipps und Informationen

Auskunft:
•Italienische Zentrale für Tourismus ENIT, Frankfurt, Tel.: 0 69 / 23 74 34, www.enit-italia.de
•Hotelverband CAL (Consorzio Alberghi Lignano), www.hotelslignano.net.
Anreise:
•Hin- und Rückflüge z.B. von Frankfurt/Hahn ab 29,95 mit Ryan Air nach Venedig – “Treviso“ oder mit Air France ab 166,93 Euro ab Frankfurt/Main nach Venedig – “Marco Polo“.
•Autozug-Spezial: ab149 Euro buchbar, beispielsweise von Berlin, Düsseldorf, Frankfurt (Neu-Isenburg) und Hamburg nach Triest oder nach Villach. Der Preis für die einfache Strecke gilt für einen Einzelplatz im Liegewagen sowie den Fahrzeugtransport. Jeder weitere Mitreisende zahlt einen Festpreis von 60 Euro. Kinder bis sechs Jahre, ohne eigenen Liegeplatz, können kostenlos mitgenommen werden, Internet: www.bahn.de/autozug
Übernachten:
• z.B. direkt am Strand von Sabbiadoro im Viersterne-Haus „Grand Hotel Playa“, Doppelzimmer 150 bis 232 Euro. Tel.: 00 39 / 04 31 /7 10 71, www.playa.it. •Apartments für vier bis fünf Personen, z.B. „Gilda“ in Lignano Riviera, zwei Zimmer, Bad, geräumige Wohnküche, je nach Saison zwischen 199 und 980 Euro pro Woche. www.ltl.it
Essen und Trinken:
•Ristorante „Da Nappa“, Piazza Pio X, Spezialität: Spaghetti ai xotoi (kleine Tintenfische), Tel.: 00 39 / 04 21 / 8 18 54.
•Gutes Eis in der „Bar Gelateria Kristal“, Via Tolmezzo 46c, Lignano. Besonders lecker: Coppa Tiramisu oder Tartufo.
Attraktionen:
•Lagunenfahrt mit der „MS Europa“, vier Stunden inkl. Besichtigung der sehr schönen Stadt Grado, 16 Euro pro Person.
•Ausflüge nach Venedig (ca. 80 km) und Triest (ca. 90 km) am besten per Auto, da die angebotenen Bus- und Schiffs-Touren zumeist viel Zeit damit verbringen, weitere Gäste aus anderen Orten in der Nähe Lignanos „einzusammeln“. •Im Sommer am Strand von Lignano Beach-Soccer und gelegentlich Auftritte von DJs wie „Fatboy Slim“. Popstars wie Santana und Madonna live im nahen Udine oder Triest.

Von Stephan Brünjes

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