Maya-Kultur auf Yucatan

Menschenopfer im Paradies

+
Das Tor der Maya: Das Denkmal am Strand von Playa del Carmen bildet mit den ovalen Öffnungen die Ballkörbe nach, die sich in den Mayastätten finden. Sie waren vermutlich Teil eines Spiels, bei dem der Anführer der Siegermannschaft geopfert wurde.

Enthauptungen, Leichenberge, Menschenopfer – mit solchen Bildern stellte 2006 US-Regisseur Mel Gibson das Volk der Mayas dar. Sein Film Apocalypto sorgte für Empörung. Gibson verunglimpfe die Ureinwohner der mexikanischen Halbinsel Yucatan, lautete ein Vorwurf.

Wer sich auf die Spuren der Maya begibt, kann sich selbst ein Bild machen – und eines der schönsten Urlaubsländer der Welt entdecken. Mit Karibikstränden, Kalksteinhöhlen und dem Urwald, aus dem sich Maya-Pyramiden erheben, widersetzt sich Yucatan dem Bild, das der Europäer von Mexiko hat. Die Halbinsel bietet eine unwiderstehliche Kombination aus Badeurlaub und Kultur.

Menschenopfer im Paradies

Als Startpunkt für Rundreisen empfiehlt sich Cancún (600 000 Einwohner). Die Stadt mit Flughafen an der Karibikküste ist als Ziel für Springbreakers bekannt – amerikanische Studenten auf Ferienreise. Doch keine Angst: Die mexikanische Variante des Ballermanns beschränkt sich nur auf wenige Areale der Stadt. Dank Stränden, Diskos, Luxushotels und großen Einkaufszentren lässt sich hier ein entspannter Urlaub verbringen. Etwas kleiner ist Playa del Carmen (100 000 Einwohner). Wer All-inclusive-Urlaub an traumhaften Palmenstränden machen will, wird hier glücklich.

Doch das wahre Yucatan lernen Touristen außerhalb der Ferienanlagen kennen. Mit dem Bus geht es durch die „trockenen Wälder“. Denn auf der ebenen Insel versickert das wertvolle Wasser im porösen Kalkboden. Es gibt keine überirdischen Flüsse, aber die Insel ist mit Cenoten durchlöchert. In diesen unterirdischen Höhlen sammelt sich das Wasser, die Mayas hielten sie für Eingänge zur Unterwelt.

Pyramiden im Urwald

Doch die größten Wunder warten an der Oberfläche: Maya-Pyramiden – sorgfältig freigelegt und rekonstruiert – ragen aus den Urwäldern. Beispielsweise in Uxmal, wo sich die „Pyramide des Zauberers“ 37 Meter in den Himmel streckt. Abends erweckt eine Licht- und Toninstallation den Ort zum Leben. Weitläufiger, aber sehr viel touristischer ist Chichén Iztá, die bedeutendste Ruinenstädt der Insel. Schwindelfrei müssen die Besucher in Cobá sein: 42 Meter auf 121 Stufen ohne Geländer geht es auf die Pyramide Nohoch Mul. Landschaftlich am schönsten ist Tulum: Die Mayastadt am blau leuchtenden Meer lohnt sich auch für einen Badeausflug.

In den Ruinen finden sich fast immer die gleichen geheimnisvollen Öffnungen. Diese erinnern nicht zufällig an Basketballkörbe: Die Mayas spielten hier vermutlich ein Ballspiel, versuchten mit Ellenbogen, Hüften und Knien eine Kugel hindurch zu schießen. Die Belohnung: Der Anführer der Siegermannschaft wurde den Göttern geopfert.

Das ist nicht bewiesen, aber Maya-Nachfahren wie Pluma Blanca (Weiße Feder), der sich selbst als Häuptling vorstellt, halten diese und andere Schilderungen für realistisch. Schließlich bestätigten Berichte der Spanier die Existenz der Menschenopfer. Der 70-Jährige zeigt das Dilemma, das die vier Millionen Maya-Nachfahren heute haben: Sie sind stolz auf die Schönheit Yucatans und die kulturellen Leistungen ihrer Vorfahren, aber auch entsetzt über die Dummheit des eigenen Volkes. Ein Volk, das sich 900 nach Christus mit Kriegen fast selbst auslöschte – nur weil die Sternenleser es befahlen.

Von Göran Gehlen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.