Frühling im Oberengadin: In Maloja an der Alpensüdseite scheint an 322 Tagen im Jahr die Sonne

Murmeltiererwachen in Maloja

Ein Platz an der Sonne: Während im Tal der Hochnebel hängt, ist auf 1800 Metern schönstes Wetter. Foto:  Quint

Nichts Schönres unter der Sonne als unter der Sonne zu sein...“ Nie erscheint diese Gedichtzeile von Ingeborg Bachmann wahrer als am Ende eines langen Winters, wenn der Frühling nicht schnell genug kommen kann.

Anfang April ist das Dorf Maloja im Oberengadin genau der richtige Ort, um den Winter zu verabschieden und der Sonne auf rund 1800 Metern näher zu kommen. Während das Flachland noch oft unter Hochnebel liegt, präsentiert sich Maloja bereits blitzendblau und kristallklar. An rund 322 Tagen bescheint die Sonne den Ort an der Alpensüdseite. Während sich die Städter also gerade erst in der Phase der Übergangsjacken befinden, begrüßt Maloja seine Besucher mit weißglänzenden Gletschern und beschert ihnen bei wolkenfreiem Himmel sonnenverbrannte Nasen. Auf den Südseiten der Hausdächer ist der Schnee schon vollkommen geschmolzen, die weißen Hauben auf der anderen Seite sind dagegen noch meterdick.

Sentimentale Winterliebhaber wandern ein letztes Mal über den zugefrorenen Silsersee und lassen sich dabei auch nicht von den Enten verunsichern, die in Ufernähe schon einige offene Stellen gefunden haben. Nicht nur der Winter sagt ade, auch das Jetset-Völkchen rund um den Nachbarort St. Moritz und die Massentouristen verschwinden. Stattdessen lassen sich jetzt langsam wieder die „Munggen“ blicken – Murmeltiere, die aus ihrem siebenmonatigen Winterschlaf erwachen und auf der Suche nach frischen Trieben von Alpenklee, Silberdistel, Arnika und Enzian sind. Auf Wander- und Klettertouren rund um Maloja kann man die niedlichen Nager beobachten oder ihre charakteristischen Warn-Pfiffe hören.

Häufiger als auf scheue Murmeltiere trifft man auf so genannte Gletschermühlen. „Hexenkessel“ oder „Kochtöpfe der Giganten“ nennt der Volksmund diese riesigen Löcher, die sich gegen Ende der Eiszeit beim Rückzug der Gletscher gebildet haben. Eine größere Ansammlung solcher Gletschermühlen als in Maloja findet sich in ganz Europa nicht.

Einzigartig in Europa ist auch die dreifache Wasserscheide am Lunghinpass, der von Maloja aus nach einem steilen Aufstieg über Plan di Zoch und Lunghinsee zu erreichen ist. Von dem rund 2600 Meter hoch liegenden Pass kann das Wasser in drei Meere abfließen: über Julia und Rhein in den Atlantik, über Inn und Donau ins Schwarze Meer und via Maira und Po in die Adria.

Für den Wanderer ist jedoch die wildromantische Bergweltkulisse spektakulärer: Hoch aufragende Dreitausender, bizarre Granitfelsen, weite Hochebenen, windschiefe Föhrenwälder, immer wieder das Panorama der Seenlandschaft und die feuchten Wiesen der höchstgelegenen Moore Europas.

Es ist so still dort oben, als hätte jemand den Ton abgedreht – nichts stört, nur der Gedanke, dass später jeder die Fotos für digitale Fälschungen halten wird, aber das Oberengadin sieht an vielen Stellen wirklich aus wie eine nachkolorierte Kitschpostkarte. Schneeköniginnenweiße Gipfel, arktischblaue Seen und schokoladenbraune Moore beeindruckten bereits Giovanni Segantini, Rainer Maria Rilke und Friedrich Nietzsche, die dieser Landschaft in Bildern, Gedichten und Romanen ein künstlerisches Denkmal gesetzt haben. Noch dominiert ein Winterweiß die Berg- und Seenlandschaft. Doch im Takt des tröpfelnden Tauwassers verwandelt sie sich in einen blauen und zartgrünen Fleckenteppich und dann, dann ist Frühling – endlich.

Von Nicole Quint

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