Von starken Frauen und Quotenmännern in Angeln zwischen der Schlei und dem Ostseestrand

Norddeutsche Urgewächse

Kleinste Stadt Deutschlands: Arnis hat nur 350 Einwohner und liegt auf der Angelner Seite der Schlei. Das gegenüberliegende Ufer heißt Schwansen.

Hügel, kleine Buchenwälder, Felder und Wiesen, kleinteilig und getrennt durch die charakteristischen Knicks. An der Küste lange und ruhige Sandstrände, dahinter Dörfer, die ein bisschen wie Dänemark heißen und ein bisschen wie England aussehen. Das ist Angeln, die Region am Nordufer der Schlei, eine beruhigende Sommerfrische, die ohne Wellness-Resorts auskommt, erst recht ohne Schicki-Micki und Schnickschnack. Und die doch voller Überraschungen und kleiner Wunder steckt.

Nirgendwo im Norden wird so fantasievoll gebacken. Zum Beispiel im Café Lichthof einer Reetdachkarte in Falshöft bei Nieby. Dieses idyllische Anwesen, 1859 als Dorfkrug erbaut, war viele Jahre lang ein privates Feriendomizil, bis Dr. Jutta Schulke-Vandre dort eine Praxis für Schmerzselbsthilfe und Psychomotorik und bald darauf ein kuscheliges Café einrichtete.

Tortenköniginnen gibt es zwischen Kappeln und Flensburg gleich mehrere. Und Cafés mit Seele und besonderer Note auch. In Niesgrau etwa holt sich Gabriele Walter, die Erd-, Him - und Blaubeeren direkt von den Feldern neben ihrem Café Kranz: Fünf gute Stuben aus Großmutters Zeiten gehören dazu und ein Kaminzimmer.

Beliebte Köstlichkeiten

Uta Janbeck und ihr etwas anderes Café und Hotel am Stadtrand von Gelting nicht zu vergessen. Skandinavisch wirkt es bei ihr, hell und sehr gemütlich. Auch dort werden die Kalorien nur im Stillen gezählt: Die mächtigsten Leckereien heißen Trümmer- oder Gewittertorte – beliebte Köstlichkeiten des Nordens. Aber auch beim frischen Quarkkuchen lässt sich herrlich klönen mit Frau Janbeck, die zur Truppe der starken Frauen an der Geltinger Bucht gehört.

So wie die vielen Künstlerinnen, die, meistens etwas versteckt, in ihren Werkstätten und Galerien töpfern und malen, bildhauern und ausstellen. Und so wie Grete Bartel auf dem wohl kuriosesten Hof im Herzen Angelns. „Gretchen“, wie sie ringsum genannt wird, züchtet in Wagersrott Rosen, vorwiegend norddeutsche Urgewächse wie sie selber eines ist. So gut wie alles, was das Landleben hier oben früher ausgemacht hat, hat sie überdies gesammelt und im privaten Museum in ihrer Scheune ausgestellt, von Aussteuertruhen und alten Wollröcken der Großmütter bis hin zum Grammophon von 1926, das noch immer gut ist für Rudi Schurickes herrliche Schnulzen.

Seit hundert Jahren ragt der Leuchtturm von Falshöft aus der hügeligen Küstenlandschaft an der Geltinger Bucht. Womit wir beim ersten Quotenmann unserer Geschichte wären. Siegfried Issel heißt er, weiß alles über Leuchtfeuer und hütet deswegen auch den Schlüssel zum rotweißen Eisenturm, der den Seeleuten zwischen Flensburg und Kappeln bis 2002 den Weg gewiesen hat, zuerst mit Petroleum, später mit elektrischem Licht. Heute sind die engen Räume, die früher dem Leuchtturmwärter gehörten, ein beliebtes Standesamt.

Nils Kobarg, Biologe aus Kiel, ist so etwas wie der Ober-Ranger des Naturschutzgebietes Geltinger Birk. Wer mit ihm die verlandeten Schilfsümpfe besucht, den vom Wind gebeutelten Gespensterwald und die Weiden, auf denen Hochlandrinder und Wildpferde grasen, kommt aus dem Staunen nicht heraus.

Über Unken und Molche, Kröten und Frösche erzählt Nils Kobarg so spannend wie über Feuerfalter und das Gemeine Blutströpfchen, einen seltenen Schmetterling, der in der Birke so fröhlich flattert wie das Grünwidderchen. Und das Schönste: Die Tour durch die Natur und die gesunde Seeluft machen so richtig Appetit auf ein gutes Stück Torte bei Uta Janbeck und den anderen starken Frauen an der Schlei.

Von Bernd Schiller

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