Und oben schweben die Wale

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Auge in Auge mit Methusalem: Dieser seltene Waxdick, ein russischer Stör aus der Ostsee, wurde schon im Jahr 1968 im alten Meeresmuseum in Stralsund bestaunt. 

Wie der Blick vom Boden ganz tief unten in einem Ozean nach oben in die schiere Unendlichkeit. So kommt es einem vor, wenn hoch über dem eigenen Kopf in der Dunkelheit der riesigen Halle ein Buckelwal, ein Schwertwal, ein 26 Meter langer Blauwal, und ein Pottwal im Kampf mit einem Riesenkalmar nacheinander im Lichtschein auftauchen.

Die Walhalle mit den unter der Decke schwebenden lebensgroßen Nachbildungen der Giganten der Meere bildet den Endpunkt eines Rundgangs durch ein Museum, in dem mehrere Superlative zu bestaunen sind. Das Ozeaneum, das als Deutschlands größtes Meeresmuseum seit zwei Jahren in der Hansestadt Stralsund die Besuchermassen anzieht, erhielt kürzlich die Auszeichnung „Europas Museum des Jahres 2010“.

Die Reise durch die Meere der Erde beginnt mit der Vielfalt des Lebens unter Wasser. Das seltene Präparat eines Tiefsee-Angelfisches mit einer Nase aus leuchtenden Angeln vor dem spitzbezahnten Maul lässt fast erschaudern. Irgendwie unheimlich wirken auch die Pfeilschwanzkrebse, lebende Fossilien, die sich wie runde Panzer auf dem Sand vorwärts bewegen.

Jeder Hering wurde einzeln gefangen

Mehr Leben herrscht bei den vielen Fischen, denen man durch die dicken Scheiben in die Augen schauen kann. Unspektakulär kommt der Schwarm silbern glänzender Heringe hinter dem dicken Aquariumsglas daher. Wer weiß schon, wie aufwändig es war, 700 dieser Fische für das Ozeaneum zu fangen? Die durch Berühren schnell verletzbaren Heringe wurden extra einzeln mit Angeln ohne Widerhaken gefangen und in Eimern ins Museumsbecken getragen. Doch gerade der Heringsfang brachte der Ostseehafenstadt Stralsund einst den Reichtum.

Mehr Interesse als die Heringe findet beispielsweise die Brandungsküste mit Wolfsbarschen, wo jede Minute eine Welle schäumend ins Becken schwappt. Und im größten Aquarium mit 2,6 Millionen Litern Wasser und dreißig Zentimeter dicken Scheiben, wo der offene Atlantik dargestellt wird, teilen majestätisch dahin gleitende Rochen einen riesigen Makrelenschwarm. Auf dem Grund ruht sogar ein echtes Pottwalskelett.

Korrekte Darstellung des Lebensraumes Meer

Die vielen Lebensräume, die es in den nördlichen Meeren und an den Küsten gibt, will das Ozeaneum zeigen. Das Museum soll zwar ein tolles Erlebnis sein, sagt Marketing-Chef Jens Oulwiger, aber nicht nur als Freizeitvergnügen, sondern in erster Linie als Bildungseinrichtung. Deshalb auch der Anspruch: Alles muss korrekt dargestellt sein.

Nur vor wenigen Tagen wurde doch ein Auge zugedrückt: Neun Humboldtpinguine ziehen neuerdings auf der Dachterrasse die Blicke vor allem der Kinder auf sich. Sie stört es nicht, dass die putzigen Gesellen eigentlich in der Antarktis zuhause sind.

Wer noch nicht genug von Fischen, Krebsen, Muscheln und Co. hat, der kann in Stralsund auch noch das alte, nun auf die südliche Erdhalbkugel konzentrierte Meeresmuseum besuchen. In der völlig entkernten ehemaligen Kirche des Katharinenklosters sind auf drei Ebenen neben vielen bunten Meeresbewohnern wie dem durch den Film „Findet Nemo“ bekannt gewordene orangefarbenen Anemonenfisch auch ein fünf Meter hoher Riffpfeiler und viele Schildkröten zu sehen.

Hintergrund

Ozeaneum Stralsund
Das Ozeaneum wurde nach fast dreijähriger Bauzeit im Juli 2008 eröffnet. Auf 8700 Quadratmetern tauchen die Besucher in die Unterwasserwelt der nördlichen Meere ein. In vierzig Aquarien mit sechs Millionen Litern Meerwasser leben 7000 Fische und andere Meeresbewohner. Der seit 1977 verliehene Europäische Museumspreis ging in diesem Jahr an das Ozeaneum, das sich gegen 21 Mitbewerber aus 13 Ländern durchsetzte. Die Jury lobte die lebendige Ausstellung und das moderne Vermittlungskonzept, das den Einblick in die Meereswelten ermöglicht. (sff)

Informationen

Ozeaneum: täglich 9.30 bis 21 Uhr (bis 30. September, Oktober bis Mai bis 19 Uhr).
Eintrittspreise: Erwachsene 14 Euro, Kinder (ab 4) 8 Euro, Familie (Eltern und ein Kind) 31 Euro (je weiteres Kind 3 Euro); zudem gibt es Kombitickets mit Meeresmuseum. Fotografieren nur ohne Blitz! www.ozeaneum.de
Meeresmuseum: täglich 10 bis 18 Uhr.
Eintritt: Erwachsene 7,50 Euro, Kinder 5 Euro, Familie (2+1) 17 Euro (je weiteres Kind 2 Euro). www.meeresmuseum.de
Übernachtung in Stralsund: Vom Younior-Hotel für Jugendgruppen und Familien (www.younior-hotel.de) bis zum Steigenberger Hotel Baltic (www.stralsund.steigenberger.de) in allen Kategorien möglich.
Gastronomie: Empfehlenswert zum Beispiel Hansekeller, Mönchstraße 48 (gegenüber Meeresmuseum), Hafenkneipe Zur Fähre (anno 1332, eine der ältesten Kneipen Europas), Fährstraße 17 (nahe Ozeaneum), und Fischrestaurant Ventspils, Sundpromenade 1 (etwas außerhalb nördlich vom Ozeaneum).

Von Stefan Forbert

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