Spektakuläre Landschaften, Kakteenwälder, ein Zug in die Wolken und die längste Straße der Welt: Streifzug durch Argentiniens Nordwesten

Bei Pachamamas stacheligen Wächtern

Der alte Mann und sein Lama: Der vom kargen Leben im Puna-Hochland gezeichnete Landarbeiter lässt sich , gegen eine Handvoll Cocablätter (als „Eisbrecher“ im Gespräch mit Touristen von unschätzbarem Wert) bereitwilllig fotografieren.

Pachamama, die bis heute in Nordwestargentinien von den indianischen Ureinwohnern verehrte „Mutter Erde“, hat es schon immer gut gemeint mit ihren Kindern. Sie schenkte ihnen Landschaften von (nicht nur der Höhe wegen) atemberaubender Schönheit auf extrem engem Raum: Spektakulär zerklüftete Felsformationen, die in der Sonne glühen, wechseln sich oft auf wenigen Kilometern ab mit staubtrockener Ödnis und immergrünen Flusstälern, wo Orangen und Paprika wachsen. Schneebedeckte Vulkane grenzen mitunter an hitzeflirrende Salzwüsten, über der die Kondore kreisen. Quirliges Zentrum des Nordens ist die Provinzhauptstadt Salta mit ihren prächtigen Kolonialbauten.

Dort paradieren noch die Ahnen der legendären Gauchos an Festtagen in ihren typischen Reitertrachten durch die Straßen, während die Einheimischen allerorts dem Nationalsport Nr. 2 (nach dem Fußball), dem Steak-Grillen („Asado“ genannt) frönen. Von Salta aus schnauft nicht nur der Wolkenzug (siehe Hintergrund) los, hier starten Touristen auch mit dem Jeep zur Wüsten-Tour. Beim wilden Ritt über staubige Schotterpisten hadern sie allerdings weniger mit der dünnen Luft (der Höhenmesser im Auto ist obligat), sondern vielmehr mit den Schlaglöchern, erzählt Fabrizio Gilhardi, Chef der Socompa-Travel-Agentur.

Vorbei an Bergen, die wie in faltenreiche grüne Samtmäntel gehüllt wirken, und schroffen Formationen aus rotem und grünen Sandstein rumpelt der Jeep über steile Serpentinen zum 3540 Meter hoch gelegenen Pass Piedra del Molino hinauf, wo über die Herkunft eines tonnenschweren Mühlrades aus Granit am Wegesrand gerätselt werden darf. Jenseits der Passhöhe erstreckt sich eine vegetationslose Mondlandschaft. Wilde Guanakos bewachen den Eingang zum Kakteenparadies auf 2800 Metern.

Gleich einem riesigen Nadelkissen überzieht der „Parque National Los Cardones“ den regenarmen Hochgebirgssockel, die sogenannte Puna. Ein Meer von bis zu 500 Jahre alten Säulenkakteen bedeckt das Valle Tin-tin, das von einer 18 Kilometer langen, schnurgeraden Staubpiste durchschnitten wird. Ein lebensfeinliches Dorado für Abenteurer auf zwei und vier Rädern – „und beliebter Treffpunkt der regionalen UFO-Beobachter-Szene“, fügt Fabrizio grinsend hinzu.

Um 1540/42 trafen hier im Kakteen-Tal spanische Einwanderer erstmals auf indianische Ureinwohner. Während die Indios die wehrhaften Gewächse als „Wächter“ gegen den Einfall der Weißen verehrten, fühlten sich Europäer wie der Jesuiten-Pater Juan de León von den „Stachelbäumen, die einen wie mordlustige Indios auf Schritt und Tritt verfolgen“, geradezu bedroht. Mit Recht, wie die Arbeitsunfallstatistik des Landes beweist, die bis heute „unsachgemäßes Kaktusfällen“ als Todesursache aufführt.

Weinbau in 3111 Metern Höhe

Deutlich weniger Gefahr geht von den Rebstöcken der Weingüter links und rechts der Ruta Nacional 40 (Text unten) aus – sieht man einmal ab vom übermäßigen Genuss des erstklassigen Torrontès-Weißweines. Auf dem ältesten Weingut des Landes, der 1831 gegründeten Bodega Colomé, reifen die Trauben im Gebiet „Altura Maxima“ auf 3111 Metern Höhe - Weltrekord. Naschkatzen können den Torrontès aber auch in der „Heladeria Miranda“ im nahen Cafayate als Eis verkosten.

Und dabei schmecken, wie gut es Pachamama noch immer mit ihren Kindern meint.

Von Gisela Busch

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