Wunder, Papstkult und inbrünstige Rituale locken Pilger und Touristen

Polens fromme Orte

Ort der Wunder: Viele Pilger glauben daran, dass die Madonna von Tschestochau Gutes tut. Diese ist nicht die echte Schwarze Madonna, sondern eine Marienfigur über den Eingangsportal der Kirche.

Ein anrührendes Summen breitet sich in der Kapelle der Muttergottes in Tschenstochau (Czestochowa) aus. Unter der „Schwarzen Madonna“ knien sie auf dem kalten Steinboden, die Gesichter gesenkt, die Hände gefaltet, beginnen, ihre Hymne „Czarna Madonna“ zu singen: „Madonna, Schwarze Madonna, wie gut ist´s dein Kind zu sein“. Die Melodie wandert in Wellen nach hinten, bis sie mit Kraft und Gefühl den hohen Raum erfüllt und nicht wenige Gläubige Tränen in den Augen haben.

„Dieser Ort“, sagt die Pilgerin Aleksandra Janowska und streicht dabei über ihren Rosenkranz, „zog mich, mein Herz, meine Seele magisch an“. Sie kam von Warschau zu Fuß mit einer Pilgergruppe in die 250 000-Einwohner-Stadt im Nordosten der Woiwodschaft Schlesien. Die knapp 300 Kilometer bewältigten sie in elf Etappen.

Die Glocken spielen Marienlieder

„Ich bin froh und feierlich gestimmt, endlich anzukommen“, sagt Aleksandra Janowska. Zur Begrüßung spielten die Glocken des 106 Meter hohen Kirchturms Marienlieder. Um zum Heiligtum zu gelangen, musste die Pilgerin über die Straße der Heiligsten Jungfrau Maria vom Stadtzentrum zum Paulinerkloster auf dem Kalksteinhügel „Heller Berg“ (Jasna Gora) gehen und schließlich durch vier Tore der festungsähnlich ausgebauten Anlage – wie es jährlich vier Millionen Menschen tun. In der Basilika und in der Kapelle der Muttergottes bahnt sie sich einen Weg durch die Menge bis nach vorne an den Hauptaltar. Golden leuchten Heiligenschein und Krone der Schwarzen Madonna, lange kniet Aleksandra Janowska betend vor dem Bildnis der Maria und dem Jesuskind.

Hier wurde einst ein Pabst getauft

Südlich von Krakau liegen gleich zwei weitere bedeutende Pilgerziele: Wadowice und Kalvarienberg. In Wadowice, einer 20 000 Einwohner zählenden Kleinstadt, strömen alle zum Plac Jana Pawla II., wo die Fassade der Basilika der Heiligen Jungfrau Maria blendend weiß im Sonnenlicht strahlt. In dieser Kirche wurde Lolek getauft, so nannten Freunde Karol Wojtyla, der Papst Johannes Paul II. wurde. Nebenan steht das Geburtshaus.

Sein Nachfolger war 2006 in Wadowice „voller Emotionen“. Dass die Wiege im Geburtszimmer erst zum Besuch Benedikt XVI. angeschafft wurde, verrät Ordensschwester Magdalena. Sie führt Besucher – Filzpantoffeln sind Pflicht – durch das heutige Papstmuseum. Andenkenläden im Städtchen bieten Rosenkränze und Ikonen aller Art und „JP II-Fanartikel“ wie Schlüsselanhänger, T-Shirts und Figuren. Eine Karol-Wojtyla-Route verbindet elf Stationen seiner Kindheit und Jugend.

Kalvarienberg gilt als das polnische Jerusalem

Karol-Wojtyla pilgerte gern nach Kalwaria Zebrzydowska (Kalvarienberg), dem polnischen Jerusalem, 14 Kilometer östlich seiner Heimatstadt. 42 Kirchen und Kapellen stehen dort in der Hügellandschaft zwischen Wald und Wiesen an einem Kreuzweg der Leiden Jesu und Marias. Die auf der UNESCO-Weltkulturerbeliste eingetragene religiöse Kultstätte geht auf eine Vision von Mikolaj Zebrzydowski, Herzog von Krakau, im Jahr 1600 zurück. Er bemerkte Ähnlichkeiten des Geländes mit der Topographie Jerusalems, sah den Hügel Zarek als Golgotha, den Hügel Lanckoronska als Ölberg, ließ als erste die Kreuzigungskirche errichten und bald darauf entstand ein Kloster.

Von Dietmar Scherf

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