Das Appenzellerland in der Schweiz ist voll von weihnachtlichen Überraschungen

Polternde Chläuse im Schnee

Am letzten Tag jeden Jahres und im nächsten Jahr am 12. Januar ziehen die Chläuse von Haus zu Haus. Foto: Schweiz Tourismus/Repro: Lädtke

Wundersam irreal scheint die Winterwelt im Appenzellerland. Wenn Schnee die Hügel vom Bodensee bis zum Säntis zudeckt, stapfen bei Urnäsch vermummte Frauen durch das hohe Weiß. Silvester-Chläuse poltern mit scheppernden Schellen und komischem Kopfputz durchs Land, und vom einsamsten Appenzeller Dorf Wienacht ziehen Fackelträger zu einer altmodischen Bahnhofsschenke.

Wulstige graue Wolken drücken die auf Tannenspitzen des Schöngauwaldes. Von Urnäsch immer über den Bergdamm, hatte die Pensionswirtin gesagt: „Bei der Streuimooshütte wartet die Waldfrau.“ Schneesternchen taumeln vom Himmel und kleiden die Schweizer Winterwelt in ein frisches zartes Weiß. Im Lodencape, mit Kapuze und Stock kommt die Geschichtenerzählerin näher. „Folgt mir, der Schnee wird immer dichter“, ruft sie und steigt zu einer Lichtung hinab. In der Mitte ihrer Hütte flackert ein Feuer, Petroleumlampen spenden schummriges Licht. Bei heißem Tee erzählt Marianne Maier uralte „Märli“, Märchen: Vom Peter, der als Waise im Wald aufwuchs, von allerlei Mächten, von Menschenschicksalen und dem harten Leben in der Bergwelt. „Seht, Mond und Sterne lassen den Schnee funkeln. Der Abend beschert Euch eine märchenhafte Wanderung“, sagt die Märchenfrau zum Abschied.

Am nächsten Morgen ruft der Säntis – auch wenn der massige Hausberg der Ostschweiz heute gar nicht zu sehen ist. Ein Kleinbus mit Schneeketten schraubt sich 1352 Meter hinauf zur Bergbahnstation auf die Schwäg-alp. Zwölf Stunden später verhüllt am blauen Himmel nur noch ein Wolkenhut die Spitze des Säntis. Durch Nebelschwaden schwebt die Gondel 2502 Meter hoch auf den Gipfel. Zum pfeifenden Wind leuchtet die Sonne über das weißbetupfte glitzernde Alpenpanorama.

Wohnen in Wiehnacht Engel?

Als kleinster Kanton der Schweiz drängt Appenzell sich mit seinem dichten Bahn- und Busnetz für kleine Rundreisen und Ausflüge geradezu auf. Nur eineinhalb Fahrstunden von Urnäsch entfernt liegt Heiden mit seinen klassizistischen Villen. Knapp zehn Minuten fährt eine Zahnrad-bahn bis Wiehnacht. Vom Bahnhäuschen schwenkt ein Pfad hinab zu den 300 Jahre alten Appenzeller Bauernhäusern, die sich in einem engen, trichterförmigen Tal drän-gen. Wie aus einem Heimatfilm mutet die beschauliche Szenerie an. Weihnachtlich geschmückte Fenster und Höfe in stiller Abgeschiedenheit machen dieses Kleinod dörflicher Architektur in der Adventzeit zu einem beliebten Ziel für Winterwanderungen.

Wenn der Weihnachtsmarkt geöffnet ist, reagieren die 350 Einwohner sogar auf Fragen wie „Wohnen hier auch Engel?“ mit Engelsgeduld und einem Christkindlächeln.

Zu vorgerückter Stunde wartet vor dem Bahnhof ein pensionierter Posthalter und führt seine Gäste im stimmungsvollen Fackellicht zum Wirtshaus „Station“. Hier genießt man ein zünftiges Fleischplättli mit Bier. Alte Schlager schallen aus einer Musikbox aus den 60er-Jahren, die in dem betagten Schankraum das vermutlich modernste Interieur ist.

In Heiden sitzen die Hotelgäste derweil bis zum Hals im warmen Pool. Einige bleiben bis Januar im Appenzellerland, um in Urnäsch beim Silvesterchlausen dabei zu sein. Bei dem urtümlichsten aller Winterbräuche sind am letzten Tag des Jahres die Chläuse los. Schon in den Morgenstunden tauchen aus den Wäldern „Schöne“, „Wüe-schte“ sowie mit Moos, Gräsern und Zapfen kostümierte wilde „Wald- und Naturchläuse“ auf. Touristenscharen verfolgen dann das Treiben der mit Schellen und schweren Glocken lärmenden Gestalten.

Von Manfred Lädtke

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