Ein Bummel durch die vibrierende Metropole an der Moldau

Prag leuchtet wieder

Meistens ziemlich voll: Jeder Tourist, der nach Prag kommt, flaniert mindestens einmal über die Karlsbrücke. Foto: Schiller

Die kleine Galerie, die vergilbte Fotos, grellbunte neue Grafik und böhmisches Kristallglas verkauft, passt zum Burgviertel und seinen engen Gassen. Die alte Dame, die sich freut, mit uns deutsch sprechen zu können und die so anrührend erzählen kann, passt zu diesem Laden. Und die zufällige Begegnung mit ihr passt zu Prag, dieser vibrierenden und zugleich an so vielen Stellen melancholischen Metropole.

Im Grand Cafe Oriental, nur ein paar Schritte vom Platz der Republik entfernt, sind wir mit Bara Prochazkova verabredet, einer jungen Prager Journalistin. Das Oriental ist eines der legendären Kaffeehäuser aus der Zeit, „als Böhmen noch bei Österreich war“.

Aharon Ester gehört zu den engagierten Mitgliedern der kleinen jüdischen Gemeinde von Prag, die einmal eine der größten in Europa war. Der junge Historiker hilft uns, einige Eindrücke in den sechs Synagogen der Josefstadt, dem ehemaligen Wohnviertel der Juden, zu ordnen: Stilrichtungen, Jahreszahlen, einstige Bedeutung. In der Pinkas-Synagoge jedoch, vor den Zeichnungen der Kinder aus dem KZ Theresienstadt, die sie kurz vor ihrer Ermordung gemalt haben, bleibt nur stumme Fassungslosigkeit.

Drei Orte, drei Menschen, die für ihr Prag stehen, für die Poesie dieser Stadt und für die Verbindung aus Tragödie, Tradition und neuem Tempo. Und doch sind diese Begegnungen nur Mosaiksteine. Denn das Bild der tschechischen Hauptstadt ist geprägt von einer in Europa wohl einmaligen Farbmischung: goldglänzend bis zu jenen dunklen Tönen, die an die Schreckenszeit der deutschen Besetzung und die lange Unterdrückung im kommunistischen System erinnern.

Die Straßenbahn ist eine ideale Ergänzung zum lustvollen Sich-treiben-lassen. Die Tramlinie 22 verbindet einige herausragende Sehenswürdigkeiten zwischen dem Burgviertel auf der Kleinseite, dem westlichen Ufer der Moldau, und der Neustadt auf der anderen Seite.

Jazz auf der Karlsbrücke

Die berühmte Karlsbrücke allerdings, Wahrzeichen und historisches Bindeglied beider Seiten, kann nur zu Fuß erlebt werden, und das in der Regel auch nur im gedrängten Miteinander von Touristen aus aller Welt. Aber so ein Spaziergang macht dennoch Spaß: Zwischen den Heiligenfiguren wird fröhlicher Altherren-Jazz geboten, Scherenschneider, Maler, Schmuckdesigner und mindestens ein Dutzend T-Shirt-Verkäufer lenken kurzfristig vom Blick auf die Moldau und die Türme an ihren Ufern ab.

Modern und kosmopolitisch

Im Park hinter dem Palais Lobkowicz, der deutschen Botschaft auf der Kleinseite, lassen die üppig grünen Bäume kaum Sicht auf den Balkon zu, von dem Hans-Dietrich Genscher am 30. September 1989 den 15 000 DDR-Flüchtlingen im Garten die Freiheit verkünden konnte. Für Bara, die junge Journalistin, ist das Geschichte. Sie war damals zehn Jahre alt, heute ist sie eine moderne Frau, die kosmopolitisch lebt und denkt, eine typische Vertreterin ihrer Generation. Sie liebt Kaffeehäuser mit Patina wie das Oriental.

Die meisten Genüsse und Prager Attraktionen müssen mit vielen Menschen geteilt werden: Die Kneipen sowieso, da bringt erst ein volles Haus die richtige Atmosphäre, aber auch viele der engen Gassen und der Platz vor dem Altstädter Rathaus mit der Astronomischen Uhr, sind oft brechend voll. Aber frühmorgens oder am Abend, wenn die Karlsbrücke im nebligen Dunst verschwimmt, verzaubert sich die sonst so bunte Stadt in eine „Verführerin mit tausend Schleiern“, wie Milos Forman, der aus Prag stammende Regisseur des Mozartfilms Amadeus seine Stadt genannt hat. Sie gehört dann für kurze Zeit jedem fantasievollen Besucher ganz allein.

Von Bernd Schiller

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