Bei der Formel 1 in Monaco ist alles anders: Tückischer Rennkurs mit Gänsehautgarantie und 1-A-Klatschpotenzial

Promis gucken im Fürstentum

Ohrenschutz ist Pflicht: Ob für Rennmäuse (oben) oder Teddybären (unten). Fotos: Busch

Das Spektakel gilt als das Sahnehäubchen auf dem internationalen Motorsportkuchen: Der „Große Preis von Monaco“ wird in diesem Jahr vom 26. bis 29. Mai wieder Rennsportfans, Reiche und Schöne aus aller Welt an die Côte d´Azur locken. Und das, obwohl bei keinem anderen Autorennen der Sport derart offensichtlich zum Beiwerk degradiert ist. Wer interessiert sich noch für Doppeldiffusoren, wenn Jennifer Lopez in der Boxengasse vorbeischaut?

Eigentlich ist der 3,34-Kilometer-Rundkurs durch Monte Carlo, seit 1950 Formel-1-Austragungsort, auch gar keine „richtige“ Rennstrecke.

Nelson Piquet brachte es einst auf den Punkt: „Formel 1 fahren in Monaco ist wie Hubschrauber fliegen im Wohnzimmer.“ Kein Wunder, dass Kritiker monieren, der Austragungsort sei wegen der Sicherheitsproblematik nicht mehr zeitgemäß. Der Kurs durch Häuserschluchten und Tunnel ist eng, Zebrastreifen irritieren die Piloten und gefährliche Gullideckel lauern im Asphalt. Der Italiener Alberto Ascari schoss 1955 mit seinem Lancia gar ins Hafenbecken, wurde aber gerettet.

Egal. Wenn im Mai die Welt-Motorsport-Elite samt ihrem schillernden Geleit-Tross aus Geldadel, Sponsorenvertretern, Stars und Sternchen wieder über das Fürstentum herfällt und das ohrenbetäubende Röhren der Boliden die stuckverzierten Villenfassaden erzittern lässt, dann klingeln die Kassen süßer als zur Weihnachtszeit.

Blickdicht verbarrikadiert

Auch wenn 2010 erstmals ein paar Hotelbetten im Fürstentum leer blieben – die globale Finanzkrise wird auch dieses Jahr noch genug Superreiche übrig gelassen haben, die mit ihren Privatjets den Flughafen Nizza zuparken und ihre Yachten dekorativ im Hafenbecken von Monte Carlo festmachen. Blickdicht verbarrikadiert bis auf die letzte Zaunritze sind dagegen sämtliche Zuschauer-Fußwege entlang der Strecke. Zaungäste ohne Tickets erhaschen allenfalls von der dichtbesetzten Anhöhe beim Hafen einen Fernblick aufs Renngeschehen.

Die Pausen sind zum Bummeln da: Leute gucken in der rappelvollen Rue Grimaldi, Kaufen, was die Marketing-Profis der Rennställe an Grand-Prix--Devotionalien so auftischen. Darf´s ein Red-Bull-Käppi sein? Oder eine handgemalte McLaren-Boxengassen-Draufsicht, großformatig und in Öl? Oder doch lieber gleich den hochglanzpolierten Ferrari aus dem Autohaus nebenan? Unentbehrliches Accessoire sind in jedem Fall Gehörschützer – aber auch die muss man manchmal ablegen, um den Höllenlärm der PS-Monster beim Gasgeben unverfälscht zu genießen.

Ohrenschützer sind ein Muss

Nicht nur das Trommelfell, auch die Kreditkarte wird am Rennwochenende geschunden – schon wegen der Ticketpreise. Dazu kommt, dass Monte Carlo bei den teuersten Hotel-Standorten der Welt die Nase vorn hat. Wer kein Vermögen in die Übernachtung investieren will, ist im nahen Nizza besser aufhoben. Die Formel-1-Zuschläge der Hotels halten sich dort in Grenzen, und die Bahn verkehrt an den Renntagen ganztägig im Minutentakt, so dass auf den Helikoptertransfer getrost verzichtet werden kann. Überflüssig ist auch ein Mietwagen, da am Rennwochenende auf den Straßen in Monaco ohnehin nichts mehr geht.

Am Sonntagnachmittag ist alles vorbei. Kurz bevor der Boulevard du Larvotto wieder freigegeben wird für ganz normale Porsches, Ferraris und Maseratis, empfiehlt sich ein Spaziergang hinauf zum Hôtel de Paris. Man pult als Souvenir handwarme Reifengummibrösel vom Asphalt, genießt die Stille und hofft, dass beim Grand Prix in Monaco auch künftig alles anders bleibt.

Von Gisela Busch

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