Nach 13 Jahren Abfahrts-Pause: Unser Autor probt die Rückkehr auf die Piste

Das pure Glück auf kurzem Ski

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Sonne, reichlich Schnee und wenig Leute: Ideale Voraussetzungen für Thomas Stier, um im Skicenter Latemar in Südtirol 13 Jahre Ski-Abstinenz auf kurzen Carvern zu beenden.

Das ist wie Radfahren oder Schwimmen, das verlernt man nicht.“ Wie oft habe ich diesen Spruch gehört, jetzt kommt die Nagelprobe: Nach 13 Jahren Abstinenz steige ich das erste Mal wieder auf Abfahrtsski.

Im Skizirkus am Latemar im Südtiroler Eggental könnten die Voraussetzungen für das kleine Experiment an diesem Dienstagmorgen besser nicht sein: Blauer Himmel, vier Grad minus, ideal gepflegte, noch fast leere Pisten, nagelneue Miet-Ski.

Meine alten 2,05-Meter-Bretter, die ich nach 20 mühevollen Jahren endlich in elegantem Parallelschwung talwärts gleiten lassen konnte, sind schon lange im Skihimmel. Die neuen Carver sind 175 Zentimeter kurz, haben vorn und hinten breite Schultern und eine schlanke Taille, bilden also den vollkommenen Gegensatz zu meinem Körperbau. „Gibt´s denn viele schwarze Pisten?“, frage ich sorgenvoll Skilehrer Herbert, der mich in den ersten beiden Stunden an die Fahrweise auf den mir völlig fremden Carvingski heranführen soll. „Bei uns sind alle Pisten weiß“, sagt der und grinst.

Immerhin, die Schmach, mich am Kinderhang in die lange Schlange kniehoher Knirpse einreihen zu müssen, erspart er mir. Mit der Gondel geht es gleich minutenschnell hoch auf 1900 Meter. Rein in die Bindung, schnell die Klamotten zurecht gezupft, Anstoß, erstes Gleiten mit zitternden Knien, jetzt gibt es kein Zurück mehr.

Der Körper ist eine Festplatte

Ein Wunder! Der Kopf hat alles vergessen und erinnert nur noch ein vages „immer den Talski belasten“, doch der Körper ist eine Festplatte, auf der alles unlöschbar gespeichert ist: Stockeinsatz, Entlastung, Umstieg, die erste Kurve geschafft, schon folgt die zweite, die Knöchel finden nah zusammen, so stolz!

So fährt heute keiner mehr

„Die Ski schulterbreit auseinander, so eng wie Du fährt heute keiner mehr“, ruft Herbert. Ein Elend! Jahrelang habe ich in jeder Skiwoche geübt, die Bretter ganz eng zu führen, bis ich endlich wedeln konnte. Alles umsonst.

Auf den Carvern steht man breitbeinig, das Gewicht weder vorn noch hinten sondern schön mittig auf den Ski. Als ich noch darüber nachdenke, wie blöd das aussehen mag, folgt Wunder Nummer zwei: Die Dinger drehen so leicht!

Kurze Zauberbretter

War das Kurven auf meinen Langbrettern ein steter Kampf, so geht hier alles wie von selbst. Dran denken genügt und schon legen sich die kurzen Zauberbretter an meinen Füßen in die nächste Wende. Der Vorsatz, immer hübsch langsam zu fahren, zerstiebt auf der perfekter Piste zu Pulverschnee. Wildes Glücksgefühl, die Augen tränen im Fahrtwind, die Oberschenkel brennen. Was? 63 soll ich alt sein? Ha!

Es folgen vier herrliche Tage unter Südtiroler Sonne. 48 Pisten-Kilometer wollen unter dem wuchtigen Latemar-Massiv erkundet werden. Dank eines ausgeklügelten Beschneiungssystems und in diesem Jahr reichlich Naturschnee sind sie wirklich alle weiß, da hat Herbert nicht geflunkert.

Skifahren in Latemar

Fotogalerie: Skifahren in Latemar

Tatsächlich gibt es aber auch 22 rote, also mittelschwere Pisten und acht schwarze. Als ich das erste Mal die Zanggen-Abfahrt mit bis zu 58 Prozent Neigung hinunterkurve und spüre, wie die scharfen Kanten willig in den Schnee greifen und mich sturzlos zur nächsten Liftfahrt lotsen, schießt mir eine Frage durch den Kopf: Wie konnte ich nur dreizehn Jahre hierauf verzichten?

Service: Durch Schneekanonen schneesicher bis Ostern

• Skigebiet: Das Ski Center Latemar liegt 20 Autominuten von Bozen entfernt zwischen 1550 und 2500 Meter Höhe. Bei einem Vergleich von 35 europäischen Winterskigebieten ging es 2011 als Testsieger hervor. 169 Schneekanonen garantieren Schneesicherheit bis Ostern. 18 Liftanlagen können knapp 36 000 Personen pro Stunden befördern. Kinderbetreuung, Skischule, Halfpipe und zahlreiche Almhütten mit deftiger bis raffinierter Küche sowie mehrere Flutlicht-Abende pro Wochen sorgen für einen rundum perfekten Skizirkus. Abseits des Trubels gibt es über 100 Kilometer gespurte Loipen und etliche präparierte Winterwanderwege.
• Skipass: Der Tages-Skipass kostet ab 34 Euro, Kinder bis acht Jahre fahren kostenlos. Direkt in den Talstationen in Obereggen und den italienisch-sprachigen Orten Pampeago und Predazzo können neuwertige und perfekt gepflegte Ski samt Helm gemietet werden.
• Übernachten / Preisbeispiel: Im Sporthotel von Obereggen direkt neben der Talstation kosten sieben Tage Halbpension inklusive Skipasse pro Person ab 950 Euro. www.obereggen.it
• Informationen: Tourismusbüro Deutschnofen, Dorf 9A, I-39050 Deutschnofen, T 00 39 / 4 71 / 61 65 67, www.obereggen.com

Von Thomas Stier

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