Räuber, Schäfer und Burgherren

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Im kleinsten Mittelgebirge Deutschlands, dem Zittauer Gebirge, wird Geschichte lebendig.

Letzte Regentropfen haben sich zusammen mit dem Tageslicht verabschiedet. Zwar verstecken sich Sterne und Mond weiterhin hinter Wolken, trotzdem hebt sich die Silhouette der alten Burgruine als Schattenriss vom nächtlichen Himmel ab. Die Finsternis der Sommernacht wird zerrissen vom flackernden Licht zahlreicher Fackeln. Zwei Dutzend Mönche sind es, die sich am Hang oberhalb des Bergfriedhofes sammeln. Wenig später klingt ihr sonorer Singsang über Friedhof und Ruine. Eine gespenstige Stimmung umhüllt sie. Und nicht nur die Mönche, sondern auch die rund 300 Besucher, die den nächtlichen Aufstieg auf den Oybin nicht gescheut haben.

Wenig später verlassen die Kuttenträger, die im wirklichen Leben bürgerlichen Berufen nachgehen, ihren luftigen Auftrittsort. Vom Fackellicht begleitet ziehen sie hinüber in die Burgruine, die ihrem Auftritt einen anderen, aber nicht weniger gelungenen Rahmen verleiht. Spät in der Nacht treten die Besucher den Heimweg an. Am Himmel haben es die Sterne doch ans Licht geschafft. Schöne Aussichten für den nächsten Tag, der so manchen der nächtlichen Besucher erneut in Richtung Oybin führen wird.

Mit der Schmalspurbahn auf den Oybin

Am Zittauer Bahnhof wartet schon die alte Schmalspurbahn auf ihre Passagiere zum Oybin. Dampfend angekommen, wandern die Gäste hinauf zur Burgruine. Dort wartet die eigentliche Überraschung des Tages: Zur Begrüßung ist die Burgherrschaft erschienen. Sie wird die Touristen durch ihr Reich zu führen und da gibt es eine ganze Menge zu entdecken. Dass dabei nicht nur Geschichtliches sondern auch manche Geschichte erzählt wird, sorgt für Spannung und Abwechslung.

Aber das Zittauer Gebirge ist mehr als nur der Oybin. Liebevoll gepflegte Ferienorte wie zum Beispiel Waltersdorf oder Bertsdorf verdanken ihren Charme zum großen Teil den Umgebindehäusern, die oft mit besonderen Sandsteintürstöcken verziert sind.

Grenzenlos wandern

Wanderwege führen quer durchs Gebirge. Immer wieder stößt man auf eigenwillige Felsformationen. Die bekannteste unter ihnen ist sicher der Nonnenfelsen hoch über dem Luftkurort Jonsdorf. Der Wegfall der Grenzen zur Tschechischen Republik hat das Wandervergnügen zu einem im wahrsten Sinne grenzenlosen gemacht. Aber Wandern ist wahrlich nicht das Einzige, was das Minigebirge zu bieten hat. In Zittau ist es vor allem die historische Altstadt, in der sich die Touristen die Klinke in die Hand geben.

Wer sich für einen Besuch in Jonsdorf rüstet, kann sich auf recht unterschiedliche Erlebnisse freuen. Ob eine Gondelfahrt am Fuße des Nonnenfelsens am gleichnamigen Hotel, ein Besuch auf der Waldbühne, wo sich im Sommer manch undurchsichtiges Gesindel tummelt, oder ein Abstecher ins Schmetterlingshaus.

Richtig urig wird es, wenn Gert Linke, Chef des Hotels Kurhaus, den alten Schäfermantel, Hut, Stock und Bart aus dem Schrank holt und gemeinsam mit seinen Schafen durchs Dorf zieht, um von den Anfängen der Besiedlung zu erzählen. Immerhin soll der Ort seinen Namen einem Schäfer verdanken, der mit seiner Herde über die Berge gekommen ist.

Räuber und Volksheld

Um einen kommt man im Zittauer Gebirge nicht herum: Der Räuber Karasek hatte hier sein Revier und gemeinsam mit seinen Spießgesellen hinterließ er am Ausgang des 18. Jahrhunderts in vielen Orten seine Spuren. Zumeist suchte seine Bande wohlhabende Bürger auf, um sie zu erleichtern. Da er ab und an auch ein paar Taler an Arme und Bedürftige gab, wurde er schnell für viele einfache Menschen im sächsisch-böhmischen Grenzgebiet zum Volksheld. Bis heute erzählt man sich in den kleinen Dörfern Geschichten über Karasek und seine Taten. In Seifhennersdorf wird der Gast mit einem räuberischen „Hallo“ begrüßt. Sicher nicht immer und überall, auf jeden Fall im Karasek-Museum des Ortes, wo Heiner Haschke als Räuberhauptmann Karasek und Museumschef gleichermaßen die Zügel fest in den Händen hält. Da wird Geschichte erlebbar.

Von Axel Scheibe

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