Wo die Korken immer knallen

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Renoirs Sommerfrische: In Essoyes am Ufer der Ource verbrachte der Maler seine Ferien.

Wo kommt eigentlich der Champagner her, mit dem in aller Welt heute auf das neue Jahr angestoßen wird? Wie sieht eigentlich seine Heimat aus? Auf Entdeckungstour in der Champagne.

Es ist eine ruhige Gegend, ein bäuerlich geprägtes Hügelland. Sanft ge-schwungene Höhenzüge, die gerade so hoch sind, dass der Blick noch über sie hinwegschweifen kann. Ein paar Wälder, die das Grün, den beherrschenden Farbton, um ein paar Nuancen bereichern, und in sich gekehrte Dörfer, deren schlichte Natursteinhäuser sich an die klotzigen Kirchen drängen. Doch wohin man auch schaut, man wird kaum ein Fleckchen finden, an dem nicht die Armee der Rebstöcke Stellung bezogen hat.

Die Heimat des Champagners stellt man sich anders vor. Man ist geneigt zu glauben, dass die Trauben für dieses Getränk, das immer noch als Symbol für Luxus und Genießertum herhalten muss, in einer spektakulären Gegend reifen würden. Dabei vergisst man, dass der Champagner ein Produkt harter Arbeit ist. Herkunft und Aura dieses besonderen Rebensaftes wollen nicht recht zueinander passen – gerade im Département Aube, der unbekannten Ecke der Champagne.

„Man sieht die Landschaft in einem anderen Licht, wenn man ihre Produkte kennt.“ Guy Morize

Wer auf der Champagner-Route rund um die Städtchen Bar-sur-Aube und Bar-sur-Seine nach Entdeckungen sucht, kann sicher sein, vor den Winzerhöfen einen Parkplatz zu finden. Die Champagner-Metropolen Reims und Epernay sind weit entfernt. An der Côte des Bar führt die Route zu über 500 Winzern. Die meisten von ihnen sind ‚re-coltants-manipulants’. Das bedeutet, dass sie nur eigene Trauben verarbeiten. „Und die werden ausnahmslos von Hand gepflückt“, schmunzelt Guy Morize, als würde ihm der Gedanke an die mühevollen Wochen im Weinberg nichts ausmachen.

Der Winzer kommt aus Les Riceys, der größten Winzergemeinde der Champagne. Seinen Kunden rät Morize nicht nur zu einer Champagner-Verkostung, sondern auch zu einer Wanderung durch die Weinberge. „Man sieht die Landschaft in einem anderen Licht, wenn man ihre Produkte kennt.“

Auguste Renoir hat die Gegend geliebt

Einer, der sie geliebt hat, war Auguste Renoir. Über 20 Jahre verbrachte der Maler die Sommer in Essoyes an den Ufern der Ource, wo man heute auf seinen Spuren spazieren kann. „Bei den Winzern fühle ich mich wohl, weil sie großherzig sind“, sagte Renoir einmal. Heutzutage bräuchte er seinen Eindruck nicht zu revidieren.

Altstadt in Korkenform

Das Geheimnis der Vierteldrehung: In den Kellern von Guy Morize in Les Riceys werden die Champagnerflaschen maschinell gedreht.

Auch das nahe Troyes steht zumindest äußerlich ganz im Zeichen des Champagners, weist doch die Altstadt die Form eines Champagnerkorkens auf. Aber die Stadt bietet mit ihrem komplett denkmalgeschützten Kern und dem größten Bestand an Fachwerkhäusern in Frankreich Entschädigung für das herbe Bauernland der Umgebung. Lebhaft geht es in den Dörfern rund um Troyes nur auf den Winzerhöfen und bei Verkostungen zu. Ansonsten herrscht dort eine Atmosphäre der Gemächlichkeit, die im Bewusstsein zu gründen scheint, Heimat eines besonderen Produktes zu sein, das ungeachtet konjunktureller Entwicklungen seinen Siegeszug fortsetzt.

So etwas wie die Hauptstadt der Champagner-Route ist Celles-zur-Ource, in dessen Grand Rue in jedem zweiten Haus ein Winzer lebt – 42 an der Zahl. Ein paar Kilometer weiter, im Weiler Courteron, ist Bio-Winzer Jean Pierre Fleury zuhause. Lange wurde er vom konservativen Champagner-Völkchen skeptisch beobachtet. Doch die im Jahr 1989 begonnene Umstellung auf biodynamische Bewirtschaftung nach den Demeter-Richtlinien hat sich bewährt. Das Aroma des Fleury-Champagners ist unverfälschter Ausdruck des besonderen Bodens dieser Gegend. So schmeckt die Champagne. Santé!

Hintergrund:  Das Geheimnis des Champagners

Michel Drappier, Winzer aus Urville, dessen Familie schon seit 200 Jahren im Weinbau tätig ist, erklärt, dass in seinen Kellern der Wein in Holzfässern reife. Danach wird er in Flaschen abgefüllt und in den so genannten Rüttelpulten erfolgt die tägliche Vierteldrehung von Hand. „Dies führt dazu, dass sich die mit dem so genannten Likör aus gesüßten Weinen zugesetzte Hefe nach rund vier Wochen im Flaschenhals konzentriert“, so Drappier. Auf diese Weise entsteht der prickelnde Charakter. „Danach wird in einem schwierigen Vorgang, dem Degorgieren, der nicht zuletzt über die Qualität des Champagners entscheidet, der überflüssige Hefesatz freigesetzt.“

Reisetipps und Informatioen:

Informationen:
• Atout France: T 0 90 01/57 00 25 (0,49 €/Min.); www.franceguide.com
• Comité du Tourisme de l’Aube: T 00 33 / 3 25 /42 50 00, www.aube-champagne.com Übernachten:
„La Roseraie“: Unterkunft in privatem Ambiente in einem Herrenhaus im Landhausstil aus dem 19. Jahrhundert; www.laroseraie-en-champagne.com, T 00 33 / 3 25 / 38 60 24
Restaurant-Tipps:
• „L’Union“: typisches Altstadtlokal in Troyes, regionale Küche zu moderaten Preisen.
• „Le Magny“: im Winzerörtchen Les Riceys, Menüs von 28 € bis 42 € (auch 2-Sterne-Hotel)
Tipp:
Die Monate Oktober und November sind eine gute Reisezeit, weil die Weinlese bereits abgeschlossen ist und sich die Winzer viel Zeit für die Beratung nehmen können.

Von Ulrich Traub

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