Wo die Unruh noch tickt

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Unesco-Welterbe: Die Straßen in La Chaux-de-Fonds sind im Schachbrettmuster angeordnet.

 Im Nordwesten der Schweiz, an der Grenze zu Frankreich, liegt das etwa 1000 Meter hohe Juraplateau. Die Region bietet erholsam ruhige Ferien mit einigen Besonderheiten.

Wanderer und Biker finden eine offene Natur- und Parklandschaft mit intakter bäuerlicher Kultur. In den weiß gekalkten Einzelhöfen leben Mensch und Vieh noch unter einem Dach.

Schon im 18. Jahrhundert konnten die Bauern in dieser Höhe mit der Landwirtschaft allein kaum über die Runden kommen. So stellten sie im Winter Uhrenteile in Heimarbeit her. Ein Patron ließ sie von seinen Uhrmachern nacharbeiten und zusammensetzen.

So auch im Bauerndorf La Chaux-de-Fonds, welches im Jahr 1794 von einer Feuersbrunst heimgesucht wurde. Ganz nach den Bedürfnissen der Uhrenindustrie wurde der Ort neu aufgebaut, erzählt die örtliche Fremdenführerin Claudine Bühler. Schachbrettartig verlaufen die breiten Straßen noch heute nach Südwest, damit die Feinmechaniker an den Werkbänken genügend Sonnenlicht hatten. Die Arbeit war stark spezialisiert. 48 Zünfte arbeiteten an einer Uhr, so Bühler.

Das Geschäft blühte. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte La Chaux-de-Fonds über 35 000 Einwohner. Die Patrons ließen ihre neuen Fabriken und Häuser mit Jugendstil-Dekoren schmücken. Heute gehört der Ort wegen der außerordentlichen Symbiose zwischen Uhrenindustrie und Städtebau zum Welterbe der Unesco. Firmen mit klingenden Namen finden sich hier: Breitling, Ebel, Girard-Perregaux, Omega und Tissot. Nach der von den billigen Quarzuhren aus Fernost ausgelösten Uhrenkrise der 1970er-Jahre sind mechanische Luxusuhren heute wieder weltweit ge-fragt.

Eine Uhr für 300 000 Euro

Ein Newcomer in diesem exklusiven Segment ist in La Chaux-de-Fonds die im Jahr 2004 gegründete Uhrenmanufaktur Greubel Forsey. Bei der Uhrenpräsentation erklärt Firmensprecherin Angela Landone wie selbstverständlich: Die Modelle beginnen bei über 300 000 Euro. Für jede der jährlich hergestellten hundert Uhren brauche man etwa drei Monate Zeit. Dies zeigt sich in der Produktionshalle: Dort sitzt Feinmechaniker Gilles am Mikroskop, um minutenlang ein zwei Millimeter kleines Schräubchen nachzubearbeiten. Geduld brauche man bei der Arbeit schon, meint er trocken.

Doch neben Uhrenluxus ist in La Chaux-de-Fonds auch normale Uhrenwirklichkeit zu Hause, etwa im Atelier von Sebastiano Arcidiacona. In seiner Werkstatt kann sich jeder selbst an der Endmontage einer Armbanduhr versuchen. Professionell mit weißem Arbeitskittel und Augenlupe sitzt man am Werktisch und folgt den Anweisungen des Meisters.

Das Einjustieren des Zifferblatts lässt sich bewerkstelligen, schwieriger ist die Übernahme des Sekundenzeigers mit der Pinzette. Monsieur Sebastiano rät eindringlich: „Bitte nicht atmen!“ Später dann großes Aufatmen, als das Uhrwerk manuell eingeschalt und der Boden geschlossen ist. Zum Abschluss bekommt jeder Teilnehmer eine Urkunde. Arcidiacona empfiehlt, auch das Internationale Uhrenmuseum im Ort zu besuchen – die kompletteste Sammlung in der Schweiz. Sie zeigt eine Weltgeschichte der Zeitmessung.

Informationen:

www.MySwitzerland.com,

T 00800 100 200 30

Uhrenmontage mit S. Arcidiacona, Espacité 1; Chaux-de-Fonds;

T 0041 32 889 6895,

max. 5 Pers., pro Gruppe 130 CHF (rd. 105 Euro).

Von Norbert Linz

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