Ruhe, Stille und Beschaulichkeit: Ein Besuch in dem schönsten Ringdorf Niedersachsens

In Rysum geht es immer rund

„Eben hinsetten un een Kopje Tee trinken“: Anja de Boer serviert im Landhaus „Rysumer Plaats“ das ostfriesische Natio-nalgetränk. Fotos: Lädtke

Westlich von Emden versteckt sich hin-term Ostfriesendeich das bildhübsche Bauerndorf Rysum. „Mit Rad up Pad“, hatte Ekehard Jaspers von der Interessensgemeinschaft Rysum die Anreise empfohlen. Ein Strampelpfad führt vom Fischerörtchen Greetsiel am Wattenmeer und an grasenden Deichschafen vorbei. Mit Rückenwind erreichen Radler nach zwei Stunden die Rysumer Warf.

Stolz ragt die Kirche in das mit weißen Wolken betupfte Himmelsblau. Schmuckstück ist eine 555 Jahre alte spätgotische Orgel. Um den niederländischen Baumeister zu bezahlen, habe man im Winter ver-mutlich fette Kühe über das Eis ins benachbarte Holland getrieben, berichtet Jaspers: „So genau weet wi dat nich.“ Fakt sei, dass die Rysumer kein Geld hatten. So wurde geschont, repariert, und das gute Stück blieb erhalten.

Wohnort der besseren Leute

Vor der Kirche deutet Jaspers auf den Verlauf der Straße: „Hier buten geiht dat immer rund.“ Der asphaltierte Bogen sei die innere „Kreisstraße“ durch das Dorf mit seinen gerade einmal 400 Metern Durchmesser. Bürgerhäuser mit weißen Sprossenfenstern, alten Giebeln und ostfrie-sisch-grünen Läden flankieren den Rundparcours im Zentrum. Wilde Orchideen, Oleander, Schildblumen und Rittersporn leuchten in üppigen Vorgärten. Stieglitz und Rotschwanz pfeifen von den Dächern. Hier hatten „de bessere Lüt“ wie der Pastor, Lehrer und Apotheker ihr Zuhause.

Enge Wege, die hier „Lohen“ heißen, führen bis zu einer Straße am Ortsrand, die das Dorf komplett umrundet. An den Radialen ducken sich ehemalige Landarbeiterhäuschen sowie „Husken“ von Fuhrmännern, Holzschleppern, Krämern und zwei Friseuren. Letztere sollen laut einer Chronik Schere und Rasiermesser bei Bedarf auch als „Chirurgen“ in die Hände genommen haben.

Wie viele Jahre das älteste der 180 Rysumer Häuser Wind und Wetter getrotzt hat, lasse sich nicht mehr feststellen, bedauert Jaspers. Mehr als 100 der umgebauten Häuser gäbe es aber schon seit über 245 Jahren. Einige stünden auf so kleinen Grundstücken, dass ihre Bewohner früher zum Fensterputzen den Boden des Nachbarn betreten mussten. Dafür war dann pro Jahr ein Taler fällig.

Am Meer baut man flach

Ein beliebtes Fotomotiv ist das Arbeiterhäuschen von Otto Rohne. Aus einst ärmlichen Stuben und Speichern hat der Schreiner ein komplettes Wohndomizil errichtet. Über Stufen betreten Besucher den tiefer gelegten Raum. Um Material zu sparen, Wärme zu konzentrieren und Deckung vor dem Sturm zu haben, wurde am Meer flach gebaut. Meistens aber hoch genug, damit unterm Dach noch Platz für Vorräte und Arbeitsgeräte war.

Kultureller Treffpunkt ist der vierstöckige Galerieholländer mit Müllerhaus. Volker Hischen geht die steile Holzstiege zur Außengalerie voran. Welch eine Aussicht! Der zugereiste Journalist wollte eigentlich nur ein Klavierkonzert in einer Gulfscheune besuchen. „Das dort unten ist jetzt meine Welt“ schwärmt der „Herr der Mühle“. Der Blick wandert zu den Bauernhöfen am Dorfring über Wiesen und Weiden hinüber nach Holland. Wo einst die See wü-tete, hat Festland die Wogen geglättet. Es ist 15 Uhr. Hischen zeigt auf ein Landhaus am Fuß der Mühle: „Einen Tee?“. Die „Teetied“ auszuschlagen, hielt selbst ein „eingebürgerter“ Rysumer für die größte Torheit, die man in Ostfriesland begehen kann.

Von Manfred Lädtke

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