Mit dem Tod geht keine Stadt so unbefangen um wie Wien

„A scheene Leich“

„Es lebe der Zentralfriedhof“: Mit diesem Lied aus dem Jahr 1975 hat sich der Austro-Popstar Wolfgang Ambros unsterblich gemacht. Foto: Brünjes

Vorsicht, bitte kein Sarg-Domino spielen“, sagt Christopher Timmermann beim Betreten der Michaelergruft und blickt in fragende Gesichter. Schummeriges Licht hier unten in diesem Gewölbe, Spinnweben wabern von der Decke, auf dem Fußboden eine lange Reihe Särge. „Gegen den ersten davon hat sich meine Mutter neulich gelehnt“, erzählt Christopher, „der ist zur Seite gekippt, hat alle dahinter umgerissen – Sargdomino eben.“ Erste Anflüge von Entrüstung bei seinen Gästen ignoriert der 31-Jährige und setzt noch einen drauf. Es sei gar nicht nötig, die Särge so ruppig zu öffnen und deutet auf eine Kiste ohne Deckel – aussen mit aufgemaltem Totenkopf, drinnen mit einem echten: „Bittscheen, a Luftgetrockneter.“ Pietätlos und makaber klingt das. Doch schnell wird klar, dies ist weder coole Schnoddrigkeit noch plakative Effekthascherei gegenüber Touristen, sondern Timmermanns unverkrampfter Umgang mit „seinen“ Toten.

Kaum haben die Gruft-Besucher diesen Grusel-Anblick einigermaßen verdaut, folgt der nächste. Ein zwei Meter hoher Torbogen randvoll mit Oberschenkelknochen, akkurat gestapelt. Das Werk von Mönchen des Salvatorianer-Ordens. Sie pflegen die Gruft seit 1923 und haben aufgeräumt – so gut es geht.

Etwas weniger morbide ist die Herzogsgruft unter dem Stephansdom. In den dort gelagerten Urnen ist jeweils ein Drittel eines Familienmitglieds des Habsburger Herrscherhauses, nämlich ihre Eingeweide. Die Herzen der Habsburger liegen nicht hier, sondern im „Herzgrüftl“ der Augustinerkirche und die Körperhüllen wiederum in der Kaisergruft der Kapuzinerkirche. Die Herrscherfamilie will seit 1627 in den drei für sie wichtigsten Kirchen Wiens beerdigt werden.

Sitzsarg und Ferrari

Wittigo Keller, Leiter des Wiener Bestattungsmuseums, lebt für das Thema Tod. Er präsentiert seinen selbst entworfenen Sitzsarg und vermarktet die Beerdigungen des städtischen Beinahe-Monopolisten „Bestattung Wien“, zu dem sein Museum gehört: „Letzte Ruhe im Ferrari-Sarg oder in einer Urne in Fussballform – machen wir alles.“

Auf dem „Friedhof der Namenlosen“, einer schmucklosen Mulde weit draußen vor der Stadt, geht es andächtiger zu. Bis zu einer Flussbegradigung im Jahre 1939 schwemmte die Donau hier oft Leichen an, insgesamt mehr als 470. Josef Fuchs senior, damals Orts-Gendarm, wurde jedes Mal zur Identifizierung gerufen, die oft misslang. Er sorgte dafür, dass die Namenlosen, zumeist Selbstmörder, denen katholische Friedhöfe verwehrt waren, hier ihre letzte Ruhestätte fanden. Heute pflegt sein Enkel Josef Fuchs junior die Gräber, immer noch ehrenamtlich.

Auf Wiens Zentralfriedhof geht’s nicht so ruhig und besinnlich zu. Maroni- und Wurstbuden am Eingang, Besucher strömen hinein, viele von ihnen zur „Promi-Gräber-Rallye“. Zuerst vorn links Brahms, Beethoven, Johann Strauß. Dann Höflichkeitsbesuch bei Kreisky und anderen Polit-Größen, und weiter zu Falco. Sein Name prangt oben auf einem Obelisk, daneben eine mannshohe, gläserne CD als Grabstein. Darunter legen Fans Herzchen aus Ton und Stoff ab. „Unvergessen“ steht drauf. Das gilt vor allem für sein Begräbnis 1998: Mitglieder des Motorradclubs „Outsider Austria“ in Jeanskutten tragen seinen mit einem Hermelinmantel geschmückten Sarg hierher zum Grab. Den Wienern hat’s gefallen: „A scheene Leich“ – der typische Wiener Beerdigungs-Begriff für den von ihnen so geschätzten pompösen Leichenzug.

Von Stephan Brünjes

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