Rudolstadt präsentiert sich als Klein-Weimar – Schloss Heidecksburg wurde Filmkulisse

Schillers heimliche Geliebte

Wer als Schüler das endlos lange „Lied von der Glocke“ auswendig lernen musste, wird das dem Dichter wohl nie ganz verzeihen. Friedrich Schiller fand die Anregung für sein Marathon-Gedicht in der Glockengießerei Meyer vor den Toren von Rudolstadt. Wo die Saale die Schluchten des Thüringer Waldes verlässt, präsentiert sich Rudolstadt heute so schillernd, dass Glocke-Geschädigte sich rasch mit dem Dichter aussöhnen. „Schillers heimliche Gelieb-te“ – so kokettiert die Stadt in der Tourismus-Werbung.

Aber steht dieser Schiller denn nicht unverrückbar in Weimar neben Goethe auf dem Sockel? Das ist natürlich richtig. Aber ein Klein-Weimar ist Rudolstadt allemal. Immerhin verbrachte Schiller dort den schönsten Sommer seines Lebens, lernte in Rudolstadt seine künftige Ehefrau kennen – und traf im Jahr 1788 zum ersten Mal mit Goethe zusammen. Der ließ den erwartungs-vollen Schiller allerdings links liegen. Sein Pech: Es waren zu viele Damen anwesend. Da kehrte Goethe wohl den Charmeur heraus. Wie das Treffen ungefähr verlief, kann man im Schillerhaus, von Schauspielern nachgestellt, auf Monitoren verfolgen.

Beide Töchter gefielen dem Dichter

Im heutigen Schillerhaus wohnte damals die Witwe Louise von Lengefeld mit ihren Töchtern Caroline und Charlotte. Schiller kam erstmals im Jahr 1787 nach Rudolstadt und blieb 1788 den ganzen Sommer. Er wohnte im Dorf Volkstedt beim Kantor Unbehaun, war aber ausdauernd Gast bei den Lengefelds, in deren Salon sich Größen wie die Brüder Humboldt, Herder oder Fichte und auch Goethes Muse Charlotte von Stein trafen.

Schiller war rasch verliebt in beide Schwestern. Ihm schwebte wohl eine amouröse Dreiecksbeziehung vor. Allerdings war die extrovertierte Caroline, zu der es ihn wohl anfangs mehr hinzog, bereits mit Ludwig von Beulwitz verheiratet. Schiller heiratete schließlich im Jahr 1790 die eher schüchterne Charlotte.

Wer mehr wissen will, geht auf Stadtführung mit dem Liebesbriefboten, der „schillernde Geheimnisse“ verrät. Und auch Schillers Schwiegermutter plaudert auf einem Rundgang aus dem Nähkästchen.

Markante Schiller-Sprüche findet man beim Altstadtbummel an Hausfassaden. „Wage du zu irren und zu träumen!“ ist zum Beispiel im Handwerkerhof zu lesen, einem der Schauplätze für das Tanz- und Folkfestival. Rund 1100 Künstler auf 25 Bühnen machen es zum größten deutschen Weltmusikfest. Es findet immer am ersten Juli-Wochenende statt.

Ein Film wird die Ménage à trois zeigen

Noch stärker schillern wird Rudolstadt ganz sicher, wenn in diesem Jahr der Film „Die geliebten Schwestern“ mit Hannah Herzsprung, Henriette Conturius und Florian Stetter in die Kinos kommt, in dem es um genau jenes Verhältnis zwischen dem Dichter und den Lengefeld-Töchtern geht. Regisseur Dominik Graf fand einen idealen Drehort im über der Stadt thronenden Schloss Heidecksburg.

Filzpantoffeln und Rokoko

Dieses prunkvollste Barockschloss Thüringens mit grandiosem Rokokosaal war bis 1918 die Residenz der Fürsten von Schwarzburg-Rudolstadt, einem der ältesten deutschen Adelsgeschlechter. Schiller wurde im Jahr 1788 in Begleitung von Caroline und Charlotte von Fürst Ludwig Friedrich II. persönlich durch das „weiße große Schloss auf dem Berge“ geführt.

Wer heute in Filzpantoffeln durch die prunkvollen Räume mit den Kunstsammlungen und einer originellen Miniatur-Rokokowelt schlurft, erfährt auf einer Führung durch einen Pagen, einen Hofmarschall oder eine Kammerzofe so manches über „Lust und Frust am Fürstenhof“.

Von Klaus Thiele

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