Entdecken und Feiern: Eine Städtereise in Serbiens Hauptstadt ist noch ein Geheimtipp für junge Leute

Schlaflos in Belgrad

Belgrad

Es dämmert über den Dächern Belgrads. Nicht dieses kitschige Sonnenaufgangsdämmern von Postkartenmotiven. Es wird einfach langsam hell. Wo eben noch deutliche Lichtkegel zwischen den Hausbooten auf der Donau tanzten, ist nun nur noch ein seichtes Lichtermeer zu sehen. Wo das Wasser beginnt? Keine Ahnung. Die Füße schmerzen, die Nacht war lang, schlaflos – und die Schemen, die sich an Land machen, sehen glücklich aus.

Wer in Mitteleuropa an Belgrad denkt, dem kommen Bilder von dunklen Häuserkluften, dunklen Fassaden, dunklen Gestalten. Es sind Klischees – denn Belgrad, eine der ältesten Städte Europas und die Hauptstadt Serbiens, ist vieles, nur nicht dunkel. Erst recht nicht in der Nacht.

Am Abend verlagert sich das Leben in die Parks. Die über den Flüssen thronende Festung Kalemegdan ist die schönste Anlage der Hauptstadt. Schach spielende ältere Herren, Verliebte, junge Familien tummeln sich auf Bänken, in angrenzenden Cafés.

Party auf dem Wasser

Feiern bis in die frühen Morgenstunden: Auf den Hausbooten stimmt nicht nur die Stimmung, sondern auch die Luft.

Während viele ältere der zwei Millionen Belgrader später die Restaurants direkt an der Donau aufsuchen, zieht es die jungen Leute in der Nacht aufs Wasser: Hausboot an Hausboot reiht sich dort zwischen Neu-Belgrad und Zemun, elektronische Clubmusik, ab und an etwas Hiphop dringen ans Ufer. Auf dem Boot drängen sich die Feier- und Tanzwütigen. Gogo-Girls und langbeinige Schönheiten ziehen die Blicke der Männer auf sich. Es geht ums Sehen und Gesehenwerden – und um Spaß.

„You will see the Beauty of Belgrad“, hatte Boris vorgewarnt, als wir gegen zwei Uhr leicht schaukelnd den Steg des „Freerider“ überqueren. Ob er die Schönheit Belgrads oder die Schönen Belgrads meinte? Beides trifft zu.

Hungrig nach Leben

Einst suchte sich die Jugend Belgrads hier ihre Nische im kommunistischen System. Heute – gut 15 Jahre nach dem Zerfall Jugoslawiens und zehn Jahre nach den Nato-Luftangriffen – unterscheidet sie sich kaum noch von der Berlins. Sie ist hungrig nach Leben. Die Elektrobeats, die in den Clubs der deutschen Hauptstadt zu hören sind, tönen auch hier durch die Boxen. Alkohol fließt und einige Drogenprobleme – ja – die gibt es auch.

Das weiß ein Kenner der Szene. „Die wilden Zeiten sind nicht vorbei, allerdings hat sich an der Musik einiges geändert“, sagt der korpulente Mann, der seinen Namen nicht nennen will. Denn er äußert Kritik: „Alternative Rockmusik und serbische Musik eines Göran Bregovic für die Belgrads Clubszene einst so bekannt war, gerät immer stärker ins Hintertreffen.“ Offizielle Stellen förderten vor allem westliche, internationale Stars; kleine Traditionsclubs blieben da auf der Strecke.

Die Clubszene lebt

Nichtsdestotrotz: Die Clubszene ist noch vielfältig und sehr serbisch. Da sind nach wie vor Einrichtungen wie die „Academia“, der bekannteste Club der Stadt, der neben Elektropop auch serbische Musik fest im Programm hat.

Zudem hat sich eine private Szene etabliert: Freunde und Bekannte treffen sich in Wohnungen, machen Musik, feiern. Musik spielt in Serbien die gleiche Rolle wie der Pflaumenschnaps. Das Leben ohne ist nicht denkbar. Deswegen ist für Reisende auch der Besuch in einer der vielen Rakia-Bars ein Muss: Ob der süßlich-süffige Brombeerschnaps oder der frische, brennende Birnenschnaps – die Vielfalt des serbischen Nationalgetränks ist beeindruckend.

Und gefährlich. Allenfalls ein Sprichwort – so man sich daran hält – schützt vor dem Absturz: „Nicht der wird betrunken, der zu viel getrunken hat, sondern der, der schlecht gegessen hat.“

Von Tatjana Braun

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