... und ein Königreich für Genießer – Unterwegs in der unbekannten Normandie

Ein Schloss für Pferde ...

Edle Tiere: Viele der sechzig Hengste des Gestüts Haras du Pin haben neben dem untadeligen Stammbaum internationale Preise vorzuweisen. Foto: nh

Die ist bestimmt aus Paris!“, flüstert mein Begleiter. Eine Dame, sportlich-elegant gekleidet, diskutiert angeregt mit einem Händler auf dem Markt von Mortagne-au-Perche. Viele Hauptstädter entfliehen übers Wochenende der Großstadthektik. Nur zwei Stunden ist es von Paris bis zu den beschaulichen Orten der „Basse Normandie“.

Die Normannen machen es dem Fremden leicht, sich wohlzufühlen. Längst trinkt man hier den Calvados nicht mehr aus Totenköpfen wie zu Asterix’ Zeiten, sondern pflegt eine unaufdringliche Gastfreundschaft mit naturbelassenen oder verfeinerten regionalen Produkten: hauchdünne Schinken- und Wurstscheiben, Hähnchen in Cidre, in Calvados gedünstete Äpfel, Makronen jeder Farbe und Geschmacksrichtung, ein Glas Poiré (die Birnen-Version des Cidre), zart schmelzender Kuh- oder Ziegenkäse. Am Ende des Menüs weiß man, weshalb die Normandie auch Gourmandie genannt wird. Und mag (oder kann) gar nicht mehr aufstehen vom reich gedeckten Tisch. Doch das wäre schade, denn die südliche Normandie eignet sich sowohl für kleine Verdauungsspaziergänge als auch größere Wanderungen – ob über die sanften Hügel des Perche, wo das Flüsschen Orne entspringt, das dem Département seinen Namen gab, ob über Wiesen voller Apfelbäume, vorbei an Weiden, wo die typisch schwarz-weiß gefleckten Kühe grasen, oder durch (Ess)-Kastanienwälder, Naturparks und Schlossgärten.

Das älteste Gestüt Frankreichs liegt im Herzen des Départements Orne. Es ist ein Schloss. Entworfen von den Hofarchitekten Ludwigs XIV, beherbergt das heute über 1000 Hektar große Haras du Pin Rassepferde wie den heimischen Percheron und den Cob Normand. In den 300 Jahren Zucht hat sich viel verändert im „Versailles für Pferde“.

Ging es seit der Zeit des Sonnenkönigs bis ins 19. Jahrhundert darum, kriegstaugliche Tiere zu züchten, die schwere Kanonen ziehen konnten und ebenso gleichmütig wie belastbar waren, ist es heute die Aufgabe, die Rassen für den professionellen Reit- und Rennsport zu erhalten und zu veredeln. Auf der hauseigenen Rennbahn und dem Parcours werden zudem internationale Wettbewerbe ausgetragen. Bei den großen Hengstparaden und Kutschenschauen, die im Sommer jeden Donnerstag im prächtigen Ehrenhof veranstaltet werden, bekommt auch der Laie einen Eindruck von der Kraft und Schönheit der Pferde. Ab April kann man die Hengste auch in ihrem Schloss besuchen, sich im Pferdemuseum umschauen oder in der Sattlerei und Schmiede, wo auch ausgebildet wird.

Für die schönen Künste wurde das Haras du Pin vor über 25 Jahren entdeckt. Im Rahmen des alljährlichen „Septembre Musical de l’Orne“ gibt es in der Reithalle große Oper: Im Jahr 2010 soll das Verdis „Falstaff“ sein. Dieser Opernheld liebte ja handfeste Genüsse – und ließe sich wohl gern im Feinkost-Treffpunkt „La Vie en Rouge“ in Mortagne bei Camembert, Crémeron und Livarot, den typisch normannischen Käsesorten, nieder. „Unsere Pariserin“ vom Markt widmet sich derweil der Spezialität des Ortes: „Boudin noir“ – geräucherte, gebratene Blutwurst mit knusprigem Bauernbrot. Bon appétit.

Von Cornelia Raupach

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