„Schön ist es überall, nur anders“

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Seefahrer aus Leidenschaft: Andreas Lukoschik arbeitet als Lektor auf Kreuzfahrtschiffen. Jetzt hat er ein Buch über das Leben auf dem Meer geschrieben.

Lukoschik, Andreas: Damit einem bei dem Namen das Bild des Gesellschaftsreporters mit der dicken Hornbrille erscheint, muss man entweder nicht mehr ganz so jung sein und/oder ein gutes Gedächtnis haben.

Denn Grimme-Preisträger „Leo“ alias Andreas Lukoschik ist 1991 freiwillig aus dem Fernseh-Leben geschieden („man muss aufhören, wenn es am schönsten ist“) und ist seitdem vorwiegend hinter den Kulissen tätig. Oder auf dem Meer, als Lektor auf Kreuzfahrtschiffen. Seine Erfahrungen auf Planken, die oftmals wanken, hat er jetzt in einem Buch aufgearbeitet.

Kreuzfahrt-ABC hat er es genannt und zum Glück damit schamlos untertrieben. Denn davon gibt es mittlerweile so viele wie Nudeln in der Buchstabensuppe. Aber dieses Buch ist zum Glück nicht einfach nur eine nach Alphabet sortierte Begriffs-Fibel, die von A wie Achterdeck bis Z wie Zodiak systematisch den maritimen Sprachjargon abarbeitet. Andreas Lukoschiks Momentaufnahmen aus der Welt der Seereisenden sind eine unterhaltsame und informative Lektüre für alle, die schon mal an Bord gegangen sind oder es noch vorhaben. Denn hier erfahren sie, was der Unterschied zwischen einer Single- und einer Soloreise ist, wie man sich vor nervigen Tischnachbarn, auch Mitesser genannt, schützen kann, welche Reise ein Schiffs-Neuling nie machen sollte und welche ihm den Einstieg erleichtert, in welcher Kabine es bei Seegang am wenigsten wackelt, wie fremde Länder duften und was man gegen einen akut auftretenden Schiffskoller tun kann.

Christine Hinkofer traf Andreas Lukoschik gerade noch rechtzeitig zum Interview in München, bevor er in den Flieger nach Manila stieg, wo er zu seiner 24. Kreuzfahrt startete. Er versicherte ihr: „Schön ist es überall, nur anders“.

Herr Lukoschik, wie wurde der Mann, den wir aus dem Fernsehen als Klatschkolumnisten „Leo“ kennen, zum Kreuzfahrt-Spezialisten?

Andreas Lukoschik: Genau so, wie ich es in meinem Vorwort beschrieben habe, so war es wirklich. Ein Schlüsselerlebnis: Eine Opernsängerin hatte mich einmal gefragt, ob ich auch auf Schiffen auftrete. Da habe ich mir gedacht, mit deiner Rederei bist du doch bei Reedereien goldrichtig. Ich hab mich beworben und die haben mich genommen. Und dann wurde ich irgendwie immer weiterempfohlen, von Schiff zu Schiff.

Als professioneller Reisebegleiter? So bezeichnen Sie sich selbst im Klappentext.

Ja, ich arbeite auf den Schiffen als Lektor und stimme die Passagiere mit der passenden Literatur auf die Destinationen ein.

Wie viele Kreuzfahrten haben Sie inzwischen schon gemacht?

Morgen (Anm. d. Red.: 15. März) mache ich das zweite Dutzend voll. Zweieinhalb Wochen, von Manila nach Singapur. Es ist die letzte Reise der Columbus. Ab April fährt ja die neue Columbus 2.

Fehlt Ihnen noch eine Route?

Wenige. Von Spitzbergen bis in die Antarktis, von Sydney bis Bombay, von New York bis Valparaiso – die Routen habe ich alle schon gemacht. Die, die ich morgen antrete zum Beispiel, die bin ich noch nicht gefahren. Und die, die ich im Juli mit der Queen Elizabeth machen werde, von Hamburg über St. Petersburg bis nach Kiel, die ist auch neu für mich.

Haben Sie mal die Seemeilen ausgerechnet, oder wie viele Monate Sie insgesamt auf See gewesen sind?

Nein, sollte ich mal machen.

Wo hat es Ihnen besonders gut gefallen?

Das hat auch mit dem Wetter zu tun. In der Antarktis zum Beispiel hatten wir sieben Tage blitzeblauen Himmel, das war fantastisch. Da ist eine Destination, die ohnehin schon großartig ist, natürlich noch großartiger.

Haben Sie einen Lieblingshafen?

Sydney finde ich toll, und Hongkong. In New York anzukommen ist der Hammer. Aber auch Monte Carlo ist wunderbar.

Ab wann ist man maritimophil? Das Wort habe ich in Ihrem Buch gefunden.

Das entscheidet sich nach der ersten Kreuzfahrt. Das ist wie beim Golf spielen. Entweder es reißt einen, oder es lässt einen kalt.

In Ihrem Buch bestätigen Sie das Vorurteil, dass auf Schiffen dauernd gegessen wird. Wie viele Kilo nehmen Sie auf einer Kreuzfahrt zu?

Ich nehme nicht zu.

Den Trick müssen Sie unseren Lesern verraten.

Kann ich nicht, ich weiß selbst nicht warum.

Wie und wieviel essen Sie denn?

Morgens viel Obst, manchmal Rührei, nie Wurst, mittags bin ich meist an Land unterwegs, und abends dann mit allem Pipapo, das können schon sechs bis sieben Gänge sein, mit Wein.

Machen Sie Sport an Bord?

Sollte ich, tue ich aber nicht.

In Ihrem Buch geht es auch viel um die Menschen an Bord. Sie sagen, das Psychologiestudium habe Ihnen bei der Auseinandersetzung mit den menschlichen Untiefen geholfen. Frage an den Psychologen Lukoschik: Welchen Kapitalfehler darf ein Kreuzfahrer nie machen?

Zu glauben, alle müssten nach seiner Pfeife tanzen. Man lernt Menschen nicht mit der Nummer „ich bin der Größte“ kennen. Und wenn man mit der Haltung an Land geht, wird sich einem auch dort nichts erschließen. Oberstes Prinzip – an Land genauso wie an Bord – ist: Bescheidenheit und Augen auf!

Gibt es denn einen Typ Mensch, dem Sie raten würden, tunlichst nie eine Kreuzfahrt zu machen?

Nein, dazu würde ich mich nicht erdreisten. Höchstens wenn einer wirklich ganz schreckliche Angst vor bewegtem Untergrund hat. Dann lassen Sie’s lieber.

Gibt es typbezogene Schiffs-Unterschiede? Welche Schiff würde Sie denn wem empfehlen?

Also, eine Familie, wenn die Kinder schon etwas größer sind, würde ich auf die Aida-Schiffe schicken, bei jüngeren Kindern auf die Hanseatic, die Bremen oder die Columbus. Mein Sohn, er ist jetzt elfeinhalb, liebt dieses Schiff. Romantiker müssen unbedingt mit einem Windjammer segeln, Abenteurer einmal mit einem Eisbrecher fahren.

Wie steht’s mit den Singles? Wo sind die gut aufgehoben?

Das kann ich schlecht einschätzen. Ich bin immer mit meiner Frau gereist, und wenn man mal an Bord aufgetreten ist, ist man sowieso irgendwie der Kurdirektor, dann kommen alle Leute auf einen zu, mit Fragen und allem möglichen. Aber eine Freundin, die als Single auf einem kleinen Schiff reiste, hat mir geklagt, dass dort lauter Paare waren und sie irgendwie nicht den Anschluss gefunden hat. Vermutlich ist ein Single auf einem größeren Schiff besser aufgehoben.

Als welchen Kreuzfahrt-Typ sehen Sie sich selbst?

Ich bin der Kucker. Ich liebe die Zeit an Bord genauso wie die an Land. Nicht, um die Sehenswürdigkeiten abzuklappern, sondern um das Leben dort mitzukriegen.

Gibt es eine Nie-wieder-Route oder ein Schiff, das Sie kein zweites Mal betreten würden?

Nein, das widerspricht meiner Lebensauffassung. Es gibt überall, selbst im Unschönen, Aspkete, die schön sind und einen weiterbringen.

Was muss auf einer Kreuzfahrt unbedingt ins Gepäck?

Auf alle Fälle breites Klebeband, um die Schlitze der Klimaanlagen in den Kabinen abzukleben. Und Tigerbalm, wenn man trotzdem einmal zu viel Zug abbekommen hat. Ansonsten halten Sie sich an die Devise: Packen Sie die Hälfte von dem ein, was Sie zu brauchen glauben, aber doppelt soviel Geld.

Haben Sie für morgen schon gepackt?

Nein, das mach ich jetzt gleich.

Schon mal ohne Koffer an Bord gegangen, weil der sich „verflogen“ hatte?

Nein, noch nie, toitoitoi. Als Urlauber wäre mir das wurscht, aber wenn man auftreten muss, ist das schon unangenehm. Ich traf mal einen französischen Chansonnier, der hat sich von mir die Krawatten geliehen, und aus der Nachbarkabine die Hose und das Hemd. Sein Koffer ist dem Schiff immer hinterhergereist.

Jetzt hätte ich noch gerne ein Foto von Ihnen auf einem Kreuzfahrtschiff.

Sie werden lachen, das gibt es nicht.

Aber inzwischen haben mich schon so viele danach gefragt, dass ich eines machen lasse. Im April haben Sie’s.

Dann müssen wir es aber nach dem Interview drucken. Viel Spaß auf der 24. Kreuzfahrt!

DAS BUCH

Lukoschiks Kreuzfahrt–ABC mit dem Titel „Schläft das Personal auch an Bord?“ ist gerade bei Kiepenheuer&Witsch erschienen. ISBN 978-3-462-04431-7 Preis: 16,99 Euro.

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