Wilde Natur und Einsamkeit: Unterwegs in den Cevennen

Auf Serpentinen zu den Sternen

Abgelegene Höfe im Gebirge: In vielen Häusern in den Cevennen, die im im typischen südfranzösischen Stil erbaut sind, werden Gästezimmer an Urlauber vermietet.

Der Weg zu den Sternen hat viele Kurven und keinen Mittelstreifen. In endlosen Serpentinen führt er hinauf zum Firmament, an düsteren Abgründen entlang, seit einer Ewigkeit begleitet vom Rauschen im Mondlicht fast unsichtbarer Wasserfälle. Er windet sich auf schmalen Straßen durch winzige Dörfer.

Fahles Licht fällt Momente lang aus ein paar Fensteröffnungen. Aus einer geöffneten Haustür klingen Chansons, deren Melodien schon ein paar Meter weiter in der Dunkelheit verloren gehen. Und am Ende, viele Windungen später und immer höher, wenn die Sterne durchs Schiebedach ins Auto zu fallen drohen, wird der Asphalt rissig. Nun führt die Piste nur noch an zwei schlafenden Eseln in einem Gatter vorbei in die Hofeinfahrt. Endlich angekommen, hoch oben in den Cevennen, gut hundert Kilometer im Hinterland der französischen Mittelmeerküste.

Über den Tannen klebt der Mond

Sind die Autoscheinwerfer abgeschaltet, ist es schwarz neben der festungsartigen Hauswand der Herberge. Irgendwo im Rücken klebt der Mond über den Tannen. Die nächste Stadt ist weit, Industrie so etwas wie eine ferne Fiktion. Nichts als Bergwiesen und Wälder spannen sich hier oben auf gut 1200 Metern Höhe über Täler und Berge. Und eigentlich mag gerade keiner so recht an der Haustür des aus aufeinandergestapelten Natursteinen errichteten Hofes klopfen und das reservierte Zimmer beziehen – weil es über dem Bett eine Holzdecke haben wird, die diesen Blick in den Himmel versperrt.

Irgendwo kräht ein Hahn

Aber es hat Fenster – und wie wenn ein Bühnenvorhang weit oberhalb des Dörfchens Genolhac langsam aufgeschoben wird, hebt sich ein paar Stunden später der Morgennebel aus dem Tal, gibt den Blick auf grüne Wiesen frei, löst sich ins Nichts auf, während die Tannen weit im Hintergrund immer mehr zu werden scheinen. Der neue Tag ist da, und von irgendwoher kräht ein Hahn.

Weite Teile der Cevennen gut fünfzig Kilometer westlich von Nimes, sechzig nördlich von Montpellier sind als Nationalpark seit dem Jahr 1970 unter besonderen Schutz gestellt. Allein dieser Park bringt es auf gut das Anderthalbfache der Fläche des Saarlandes – und umfasst noch nichtmal die gesamten, bis zu 1700 Meter hohen Cevennen.

Die Randgebiete der Cevennen sind beliebte Ausflugsziele – aber je tiefer man sich in den Märchenwald hineinschraubt, je höher hinauf, desto einsamer wird es. Hotels gibt es bald fast keine mehr, nur noch Pensionen und so genannte Chambres d´Hôtes, die französische Variante der Bed&Breakfast-Idee.

Cevennen-Schinken und Käse aus dem nächsten Dorf

Es sind Leute wie Christine Gerbino, die sich hier neu niedergelassen haben – Zugewanderte, die die Ruinen von Einöd-Höfen erstanden haben, zwei Esel anschaffen, mit ein paar Hunden einziehen, die jahrhundertealten Häuser mit viel Herzblut und reichlich Eigenarbeit restaurieren und nebenbei Zimmer vermieten. Abends kochen diese Vermieter für ihre Gäste, tischen in ausgebauten Scheunen oder restaurierten Weinkellern auf: saftigen Cevennen-Schinken mit Gemüse aus dem eigenen Garten zum Beispiel, Käse aus dem nächsten Dorf oder mit Lavendelhonig bestrichenes Hühnchenfilet, gebacken mit einen frischen Rosmarinzweig.

Aus den Felsen gurgeln derweil immer wieder kühle Quellen, spritzt kristallklares Wasser, stürzen Kaskaden talwärts, die wie aus der Fernsehwerbung für Sprudel schillern, über glatte Felsen rollen und über hellgrüne Moose rinnen. An der Wetterseite der Bäume kleben feuchte Flechten, und mitten durch die Wälder winden sich Wanderwege, führen zu kleinen Picknickplätzen an Aussichtspunkten – oder hinab in die Schluchten.

Balthasar interessiert sich nicht mehr sonderlich dafür. Christine Gerbinos Hofhund ist schon durch so viele Gebirgsbäche getobt, hat unter zahllosen Wasserfällen gebadet, dass ihm jetzt das eigene Revier genügt. Schließlich ist er im Dienst, muss die beiden Esel zur Ordnung rufen, den Parkplatz bewachen, neue Gäste lautstark ankündigen, Heimkehrer begrüßen. Und manchmal die Sterne anheulen.

von Helge Sobik

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