Im Hotel Holzner auf dem Ritten in Südtirol leben die goldenen Zwanzigerjahre weiter

Sommerfrische im Jugendstil

Gemächlich zuckeln die hölzernen Waggons der Rittnerbahn den Hang hinauf. Bei jeder Kuh, die den Gleisen zu nahe kommt, betätigt der Fahrer per Fußtritt lautstark eine Glocke, die schon von Weitem zu hören ist. Der hektische Alltag bleibt im Tal zurück, die Fahrt mit der hundert Jahre alten Elektrischen erscheint wie eine Reise in die Vergangenheit.

Direkt an der Haltestelle in Oberbozen steht das Hotel Holzner und erweist sich als regelrechte Schatztruhe. Wenn man eintritt, könnte man glauben, man sei in einen alten Film geraten. Die großen, herrschaftlichen Räume sind in reinem Jugendstil eingerichtet. Seit hundert Jahren hat sich daran glücklicherweise kaum etwas geändert.

Holzdielen knarren unter den Füßen, im Aufenthaltsraum aber werden die Schritte durch schwere Teppiche gedämpft. Der Speisesaal ist komplett mit klassischen Thonet-Stühlen ausgestattet, die Tische sind mit altem Silberbesteck und Kristallkaraffen gedeckt. Messinglampen im reinen Art déco verbreiten ihr warmes Licht. Überall tun sich gemütliche Sitzecken auf, in denen abends stille Leser sitzen oder Gäste bei einem Drink angeregt plaudern. Das ganze Ambiente atmet den Geist der „guten alten Zeit“.

Das Haus atmet Geschichte

Damals verbrachte das gehobene Bürgertum die Sommerfrische auf dem Ritten, die Damen trugen breitkrempige helle Hüte, die Herren erschienen in Frack und Weste mit sorgfältig gezwirbeltem Bart. Die große Welt war dort zu Gast, auch Sigmund Freud und Franz Kafka waren regelmäßige Besucher.

„Der Tagespreis für einen Gast entsprach damals dem Monatslohn eines Facharbeiters“, erzählt Hans Holzner, der Enkel des Hotelgründers. Das hat sich zum Glück geändert, sonst aber wenig. Die Weltkriege hat das Hotel trotz einiger Beschädigungen gut überstanden, viel gefährlicher für den Charakter des Hauses war der Modegeschmack der Siebzigerjahre, der die traditionelle Einrichtung als „alte Klamotten“ belächelte.

„Zum Glück konnte Marianne einfach nichts wegwerfen“, schmunzelt Hans Holzner und schaut auf seine Frau. Die Hausherrin holte die alten Möbelstücke vom Speicher und richtete das Haus wieder im alten Stil ein. Dabei ist das Hotel alles andere als ein Museum, dafür sorgen schon die Gäste und vor allem die Kinder, die ungehindert durch die Flure stürmen dürfen. Angst um das wertvolle Mobiliar haben die Holzners nicht. „Je mehr man verbietet, desto eher geht etwas zu Bruch“, ist die Philosophie des Besitzers.

So ist das Haus jung geblieben. Zum Garten hin ist ein moderner Saunabereich entstanden, von dort aus kann man in den eleganten Pool aus heimischem Porphyrstein schwimmen. Während man sich lässig treiben lässt, genießt man einen herrlichen Ausblick auf die Dolomiten, der schneebedeckte Rosengarten leuchtet in der Abendsonne. Im Tal sind die Waggons der Rittnerbahn auf ihrem Heimweg. Wie schön, dass man noch bleiben darf.

Von Martin Glauert

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.