Reise nah Taiwan

Zur Sonne und zum Mond

Blick vom Vorplatz des prächtigen Wenwu-Tempels auf den Sun-Moon-Lake: Das zur Hälfte Konfuzius, zur Hälfte dem Kriegsgott Guan Gong geweihte Heiligtum ist die bedeutendste Tempelanlage an Taiwans größtem Binnengewässer. Fotos: Carsten Heinke

Wie Scherenschnitte ragen Berge, Tempel und Pagoden in den wolkenschweren Abendhimmel. Nebelschleier zeichnen die Konturen weich. Weder Mond noch Sonne sind zu sehen. Und doch sind die beiden Himmelskörper hier, mitten in Taiwan, zu jeder Zeit präsent.

Denn der malerische See am Fuße des Zentralgebirges trägt ihre Namen. „Die Umrisse des Sun-Moon-Lake ähneln unseren Schriftzeichen für Sonne und Mond“, erklärt Michelle Chiu, die taiwanische Reiseführerin. Nach zwei turbulenten Tagen in Taipeh mit Luxusübernachtung im neu eröffneten Mandarin Oriental sind wir im Hochgeschwindigkeitszug mit Tempo 300 nach Taichung gesaust. Von dort aus hat uns der Bus in eine Landschaft gebracht, die einem fernöstlichen Gemälde gleicht.

Zur Sonne und zum Mond

Früher gab es einen Mond- und einen Sonnensee. Um ihre Wasserkraft zur Energieerzeugung nutzen zu können, wurden sie in den 1930er-Jahren unter der japanischen Kolonialmacht (1895-1945) vereinigt. Bis heute bezieht die Republik China, wie sich das demokratische Taiwan selbst bezeichnet, einen Großteil ihres Stroms von hier.

Mitten im See, wo sich „Sonne“ und „Mond“ berühren, liegt das Inselchen Lulu. „So nennen die Thao die Geister ihrer Ahnen. Sie sind eines von 13 einst aus Austronesien eingewanderten taiwanischen Urvölkern. In deren Glauben ist das winzige Eiland Wohnort des Weißen Hirsches, der ihre Vorfahren ins gelobte Land am See führte“, erzählt Michelle bei der Bootsfahrt. Auf der von schwimmenden Stegen und Feldern umgebenen Insel beten die Thao unter heiligen Roten Zederbäumen vor einer Hirschfigur.

Am Ufer gegenüber erheben sich die Tempel Xuanguang und Xuanzang. In ihnen wird der berühmte Pilgermönch verehrt, der von 629 bis 645 auf der Seidenstraße von China nach Indien reiste. Die Schriften und Reliquien, die Xuanzang von dort mitbrachte, beeinflussten maßgeblich die Verbreitung des Buddhismus in China.

Heimliche Wünsche

Nach einer Wanderung zu dem 954 Meter hohen Gipfel des Berges Erlong erreichen wir die Pagode Ci-En („kindliche Liebe und Güte“), die Taiwans ehemaliger Präsident Chiang Kai-Shek 1971 zu Ehren seiner Mutter errichten ließ. Die Spitze des 46 Meter hohen, neungeschossigen Turms ragt genau 1000 Meter über dem Meeresspiegel in den Himmel. Die ganze Schönheit des Sees mit seinen unzähligen Buchten, die von grünen Teppichen bedeckten Ausläufer des Zentralmassivs liegen uns zu Füßen. Mit heimlichen Wünschen auf den Lippen lassen wir den riesigen Klöppel gegen die mächtige Tempelglocke schlagen.

Fast komplett von Wanderpfaden und teils auch Radwegen umgeben, erkunden wir die waldigen Ufer des Sees zu Fuß und per Rad. Vielfältige Ziele in der Umgebung bieten sich zu Ausflügen an. Da gibt es die Papierkirche von Taomi Village, Laternenmanufakturen, Töpfereien und Schmetterlingsgärten. Im modernen Yoshan Tea Culture House in Zhushan können wir den berühmten, hier wachsenden Oolong und andere Spitzenteesorten kosten und kaufen.

Grünblaues Abenteuer

Trotz Anstrengungen wird für uns die 32 Kilometer lange Fahrradtour „um Sonne und Mond“ zum Höhepunkt der Reise. Etliche Steigerungen, die zuweilen nur zu Fuß bewältigt werden können, und riskante Abschnitte auf dem verkehrsreichen Provincial Highway 21 betören uns. Wir nehmen die Herausforderung gerne an und genießen das nasse, grünblaue Abenteuer in vollen Zügen.

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