In Wien erinnert noch vieles an den Filmklassiker von 1949

Auf den Spuren des „dritten Mannes“

Sie haben ja hier das reinste Museum“, würde Holly Martins alias Joseph Cotten erfreut sagen, wenn er das „Dritte-Mann-Museum“ in der Pressgasse 25 in Wien noch betreten könnte. Dort würde er nicht nur die legendäre Verfolgung des Schieberkönigs Harry Lime durch Wiens Abwasserkanäle noch einmal erleben, sondern auch Filmplakate, Fotos, Kinoprogramme, Zeitschriften, Biographien einzelner Schauspieler vorfinden. Sogar die Originalzither, auf der Anton Karas die Filmmelodie spielte, kann man dort bestaunen.

„Auf vier verschiedene Arten können Wien-Besucher auf den Spuren des Filmklassikers „Der Dritte Mann“ wandeln“, sagt Stadtführer und Museumsbesitzer Gerhard Strassgschwandtner: „Wer den Schwarzweißfilm nicht mehr genau in Erinnerung hat, der geht am besten zunächst ins Burgkino.“ Dort läuft der Streifen seit 25 Jahren dreimal pro Woche in englischer Originalsprache.

Schauplätze im Nachkriegs-Wien

1948 wurde der Film von Carol Reed über den Schieberkönig Harry Lime, gespielt von Orson Welles, gedreht. 60 Prozent entstanden in Studios in London. Die Außenaufnahmen im Nachkriegs-Wien, wo dunkle Machenschaften und Schwarzmarkthandel den Alltag bestimmen. Wie Berlin ist die österreichische Hauptstadt in vier Sektoren eingeteilt. Der ahnungslose amerikanische Westernautor Holly Martins ist auf der Suche nach seinem Freund Harry Lime, der sich als skrupelloser Händler von gestohlenem und gestrecktem Penicillin entpuppt.

Der Rundgang beginnt am Stadtpark mit einem Blick in den Wienflusstunnel. Weiter geht es zum Josefsplatz 5. Dies ist im Film die Stiftsgasse 15, das Haus, in dem Harry Lime wohnte und vor dem er angeblich überfahren wurde. In der Schreyvogelgasse 8 endet der „Walk“. Hier sitzt eine Zitherspielerin und lässt das berühmte Harry Lime-Thema erklingen. Es ist der Eingang, in dem Holly Martins seinen angeblich toten Freund Harry erkennt, als ein Lichtstrahl auf sein Gesicht fällt.

Über eine steile Wendeltreppe geht es fünf Meter tief unter die Straßendecke unweit des Karlsplatzes. Es riecht weniger streng als erwartet. Hier hangelte sich der Schieberkönig über Brüstungen und versuchte angeschossen, mit letzter Kraft einen Kanaldeckel zu öffnen, um zu entkommen. Es geht tiefer hinab zum Wienfluss. Die Luft ist frischer, aber es ist stockdunkel. Plötzlich ein Knall. Verschieden farbige Lichter beleuchten die Unterwelt. Die Zithermusik ertönt.

„Der Wiener tut sich mit der Aufarbeitung schwer.“

Gerhard Strassgschwandtner

Szenenwechsel. Unweit des Naschmarktes befindet sich seit 2005 das „Dritte-Mann-Museum“. Die Wände der 13 Räume sind gespickt mit Fotos und Biographien der Schauspieler sowie mit Plakaten aus über 20 Ländern, in denen der Film einst lief. Das Prunkstück ist die Originalzither. „Sie stand jahrzehntelang in einem Gartenhaus von Karas’ Heurigen in Wien-Sievering“, erzählt Gerhard Strassgschwandtner: „Das Museum ist auch durch den historischen Kontext des Films zur Nachkriegszeit geprägt. Nur der Wiener selbst tut sich schwer mit der Aufarbeitung der Vergangenheit.“ Die meisten Besucher kommen aus dem Ausland. Es sind Engländer, Amerikaner, Japaner und Deutsche. Holly Martins war Amerikaner. Er wäre bestimmt gekommen.

Von Dagmar Krappe

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.