Zürich inspiriert zu Opern, Revolutionsschriften – und zum Wiederkommen

Stadt, Land, Überfluss

G Kunstvoll: Diese komplett aus Würfeln gebaute Skulptur im Kulturhaus stammt von Tony Cragg. Mit dem Rock der Kunsthistorikerin wird sie zum Gesamtkunstwerk. F Leben am Fluss: Eine Institution an der Limmat ist das 650 Jahre alte Hotel zum Storchen. Im Hintergrund das Fraumünster. Fotos:  Raupach

Kaum vorstellbar: Eine Reisende wird auf dem Weg zum Bahnhof entführt. Man lässt sie erst ziehen, als sie die Rechnung des Gatten begleicht. So geschehen anno 1858 in Zürich. „Da steckte der Tourismus noch in den Kinderschuhen“, sagt Albert Lutz lachend.

Die Frau hieß Minna Wagner – und war Kummer gewöhnt. Mit ihrem ebenso genialen wie ewig klammen Ehemann Richard wohnte sie im „Asyl“, gegenüber der Villa Wesendonck. Dort ist heute das Rietberg-Museum für außereuropäische Kultur untergebracht, dessen Leiter Albert Lutz ist. Vor allem in Wagners 200. Geburtsjahr wird er oft zu den Verhältnissen auf dem „grünen Hügel“ befragt – zwischen dem Komponisten, seiner Frau, seiner Muse und deren Mann, seinem Gönner Wesendonck. Grüner Hügel? Ja, viel fehlte nicht und Zürich wäre Bayreuth geworden.

Was fehlt, ist oft das Kleingeld. Nicht so in Zürich. Dennoch: Alfred Escher, Industrieller und Bankier, schätzte zwar Gottfried Keller und Richard Wagner, wichtiger aber als Literatur und Musik war ihm die wirtschaftliche Zukunft der Schweiz, und so steht das Denkmal des „Eisenbahnkönigs“ am Hauptbahnhof und nicht vor einem – nie gebauten – Festspielhaus.

Kunst und Geld sind heute in Zürich ein starkes Team, nicht nur in Sachen Sponsoring. Der Architekt Le Corbusier schmückt den Zehn-Franken-Schein, auf dem 50er ist Sophie Täuber-Arp verewigt. Sie gehörte zu den Wegbereiterinnen des Dadaismus, der in Zürich entstand.

So beschaulich die Stadt wirkt – Revolutionäre fühlten sich hier immer wohl. Im Jahr 1848, als ringsum noch vergeblich um Freiheit und Gleichheit gekämpft wurde, war die Schweiz schon demokratisch. Richard Wagner und sein Freund, der Architekt Gottfried Semper – beide daheim steckbrieflich gesucht – flohen hierher. Und nahe dem Dada-Cabaret Voltaire in der Spiegelgasse schlug Lenin seine Zelte auf.

Seit Jahrhunderten sitzen die Zürcher beim Schoppen Wein unter den Arkaden der Zunfthäuser und in den Gassen beiderseits der Limmat. Versteckte Innenhöfe wie der Sommernachtstraumgarten im Neumarktgässchen lassen die Zeit vergessen. Doch ins Haus zum Rech nebenan wollen wir noch, denn dort steht das „Stadtmodell 1793“ aus Karton. Sein Schöpfer, der Architekt Hans Langmack, gab über 20 Jahre seiner Freizeit dafür her.

Rechts und links vom Fluss

Als Stadt, Land, Fluss und See verteilt wurden, hat Zürich laut „Hier!“ gerufen. Das schöne Alpenpanorama gab’s dazu. Die Limmat teilt die Stadt in das linke und rechte Flussufer. Links gibt’s Chorfenster von Marc Chagall im Fraumünster und den Lindenhof, wo schon die Kelten sich trafen. Orientierungspunkt am rechten Ufer, Dörfli genannt, ist das Großmünster. Und eine Baustelle: Zwischen Oper und Bellevue entsteht der größte Stadtplatz der Schweiz – aus feinstem Valser Quarzit.

Früher signalisierte ein Laken am Hotelfenster „Zimmer frei“, heute strömen jährlich drei Millionen Besucher nach Zürich. Und immer noch gilt, was Richard an Minna schrieb: „Höchster Wohlstand, Freiheit und erhabener Naturreiz liegen hier wie durch Zauber vor mir.“

Von Cornelia Raupach

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.