Das stille Ende im Osten

+
Einsamkeit am Haff: In Altwarp, wo das Foto entstand, ist Polen nah – der Ort im Hintergrund ist Nowe Warpno (Neuwarp). Fotos: von Busse

Waldmeer, Sandmeer, nichts mehr – diesen Spruch verbinden ehemalige Soldaten mit dem Nordosten Deutschlands. Die Garnisonsstädte Eggesin und Torgelow waren Synonyme für die Kasernierung während des unbeliebten Dienstes in der Nationalen Volksarmee der DDR.

Ein Image, das für die Region längst nicht mehr zutrifft. „Waldmeer, Sandmeer, vieles mehr.“ Das sagt Gerd Walther, frisch im Amt als Bürgermeister der jüngst zum Seebad geadelten 10 000-Einwohner-Stadt Ueckermünde, die das touristische Zentrum am Stettiner Haff bildet. Wo das Militär abgezogen ist, blieb eine Jahrzehnte fast unberührte, herrliche Wald-, Dünen- und Heidelandschaft, in die viele Hundert Kilometer Rad- und Wanderwege führen.

Faszination Segeln: Alwin Harder auf seinem Zeesboot.

Eggesin ist heute Sitz der Naturparkverwaltung, in Torgelow locken Urlauberattraktionen wie die Freilichtmuseen Ukranenland und Castrum Turglowe, wo der slawische Ursprung und das Leben im 13. Jahrhundert nachempfunden werden können.

Wer rund ums Haff reist, kommt bald zum Urteil, dass die zweite Reihe hinter der Sonneninsel Usedom manche Vorteile hat. Vor allem für Gäste, denen die berühmten Kaiserbäder zu belebt, zu quirlig und zu teuer sind, die gern das stille, erholsame Hinterland erkunden wollen, wo es ebenfalls feine Sandstrände gibt, aber ohne permanent kühlenden Wind, wo hübsche Dörfer wie Mönkebude mit alten Kapitänshäusern und einer liebevoll eingerichteten Fischer- und Heimatstube zu entdecken sind, um die Meerschwalben schwirren.

Brackwasser nennt man das leicht salzhaltige Wasser des im Schnitt vier Meter tiefen Haffs, das von Peene und Swine gespeist wird. Eine beeindruckende wie bequeme Gelegenheit, das Haff kennenzulernen, ist die Tour mit einem „Zeesboot“, wie die alten Fischerboote heißen, etwa mit der „Ghost“ von Alwin Harder.

Rund ums Stettiner Haff

Fotogalerie: Rund ums Stettiner Haff

Als am Haff noch Butterschiffe zum zollfreien Einkauf jenseits der Grenze zu Polen ablegten, brachten Tagestouristen Geld. Die Grenzanlagen in Altwarp sind längst verlassen. 346 427 Passagiere gab es 1999, 2012 waren es 24 800 Gäste. 750 Kilogramm frisch gefangenen Hering hat Bernd Zach damals bis mittags vom Boot verkauft, „eine Freude war das“. Die Räucherei in seiner Familienfischerei ist noch immer beliebt, köstliche Spezialitäten bieten die Zachs an.

„Je schlechter die Straßen, desto schöner die Gegend.“

Auch Ueckermünde, östlichste deutsche Seehafenstadt, punktet mit anderen Attraktionen als Billigeinkauf: als Kleinod mit hervorragend erhaltener Altstadt um Kirche und Schloss, in deren Sanierung nach der Wende 29 Millionen Euro geflossen sind.

„Je schlechter die Straßen, desto schöner die Gegend“, lautet die Faustregel von Sylvia Hennig. Die Lehrerin lebt im stillen Riether Winkel, wo der von Til Schweiger mitproduzierte Film „Großstadtklein“ gedreht wurde. Vor kurzem kam er in die Kinos. Dem 182-Seelen-Nest Rieth blieb nicht nur der DDR-typische Plattenbau erspart. Hier scheint die Zeit lange stillgestanden zu sein. Zum nächsten Supermarkt ist es weit, aber Gemüse kommt sowieso aus dem Garten. Das Handy hat polnisches Netz. „Wir haben uns auf die Fahnen geschrieben, das Dorf am Leben zu erhalten“, sagt Hennig, Mitglied im Dorfverein.

Die Einwohner tun viel für ihre Gemeinschaft. Die umgebaute alte Schule, das Café Klönstuw, Ferienwohnungen in alten Kapitänshäusern und das „Gesundhaus Klatschmohn“ stehen für Gäste bereit, die von städtischem Trubel zu viel haben. Wie Ernährungsberaterin Silke Wendt, die nach 16 Jahren in Düsseldorf hier Kurse zur „Vitalküche“ oder zum „Abenteuerkochen mit Kindern“ anbietet. „Das muss man mögen hier“, sagt Hennig. Mag Rieth abgeschieden sein, sie dreht einfach die Sichtweise um: „Wir sind nicht Ende, sondern Anfang der Welt.“

Von Mark-Christian von Busse

Tipps fürs Stettiner Haff

• Rund um Ueckermünde/Riether Winkel gibt es attraktive Ziele für Radtouren, Wanderungen, Kutschfahrten und Kanutouren:

Altwarper Binnendünen, Wacholdertal mit reichem Wacholderbewuchs im Kiefernwald. Tierpark Ueckermünde. Badeort Mönkebude (Strand/Yachthafen). Forstsamendarre Jatznick, wo forstliches Saatgut produziert wird. Haffmuseum im Turm des Pommernschlosses in Ueckermünde. Fachwerkbauten, sehenswerte St. Marienkirche, Hafen, Strand. Überfahrt nach Kamminke (Usedom).

• Auf der zum Haff gelegenen Seite der Insel Usedom:
Wasserschloss Mellenthin: Hotel, Restaurant, Café, urige Brauerei, die Bier und Fassbrause herstellt. Kaffeerösterei. www.wasserschloss- mellenthin.de
Kunst-Kabinett Usedom: Der Maler Lyonel Feininger (1871-1956) war von 1908-13 mit dem Rad auf Usedom unterwegs, sammelte in den Dörfern Eindrücke für Skizzen und Malerei. Die Galerie in Benz zeigt eine Auswahl - und ein Rad der Marke Cleveland von 1897, wie es Feininger benutzte.
Überreste der Hubbrücke Karnin, die das Festland mit Usedom verband. 1933 fertiggestellt als Teil der Eisenbahnlinie Ducherow–Swinemünde, 1945 zerstört. Ein Aktionsbündnis kämpft für den Wiederaufbau – er würde die Fahrzeit von der Hauptstadt zur „Badewanne Berlins“ auf zwei Stunden verkürzen.
Schloss Stolpe, www.schloss-stolpe.de

Kontakte und Informationen

• Zeesboot-Kapitän Alwin Harder, Mönkebude, T 01 72 / 3 12 53 88, www.segeln-stettiner-haff.de

• Familienfischerei Zach, Altwarp T 03 97 73 / 22 05 24 www.familienfischereizach.de

• Wanderagentur Harido, Torgelow, www.wanderagentur-harido.de

• Gesundhaus Klatschmohn, Silke Wendt, Rieth, T 03 97 75 / 2 07 37, www.gesundurlaub- meckpom.de

• Alte Schule Rieth, T 03 97 75 / 2 64 17, www.stettiner-haff-urlaub.de

• traumHaff Ferienhäuser, www.ostseeferienhaus.de

• Touristik-Info Haffbad Ueckermünde, T 03 97 71/ 2 84 84, -85,

www-urlaub-am-stettiner-haff.de

www.moenkebude.de

www.rietherwinkel.de

www.vorpommern.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.