Ein Atelier in Venedig vermietet Kostüme aus großen Filmproduktionen an Touristen

Stilecht durch den Karneval

Schnabelschuhe und Dreispitzhüte stapeln sich in den Regalen des Ateliers Nicolao in Venedigs Stadtteil Cannaregio. Auf mehreren Dutzend Metern Kleiderstangen hängen pastellfarbene Schleppröcke, steife Korsagen, seidene Umhänge. Hier ein Mantel aus der Oper „Cosi’ fan tutte“, dort ein Oberhemd aus Hollywoods „Kaufmann von Venedig“.

Stefano Nicolao macht Kostüme. Für berühmte Film-Produktionen, für das Theater und – natürlich – als Mietkostüme für den Karneval. Gut 10 000 Kostüme hängen in der Kleiderkammer des Ateliers, fein unterteilt in die unterschiedlichen Epochen: Ein Schildchen mit der Aufschrift „Donne ‘700“ klebt vor den Ballkleidern im Stil des 18. Jahrhunderts, „Soldati“ verweist auf maßgeschneiderte Offiziersröcke.

150 bis 250 Euro kostet ein Leihkostüm aus dem Fundus des Ateliers. Welche Größe passt, sieht Stefano Nicolao auf einen Blick. „Kurz die Luft anhalten, das muss eng sitzen“, sagt er und schließt mit sanfter Gewalt eine enge Korsage.

An einer Schneiderpuppe führt Nicolao die klassische Maskerade vor, so wie sie im 18. Jahrhundert, zur Blütezeit des venezianischen Karnevals, üblich war und auch heute noch getragen wird: Den Körper verhüllt ein knöchellanger, schwarzer Mantel, der Tabarro. Ein kapuzenartiger Überwurf verdeckt Haare, Hals und Schultern. Auf den Kopf kommt der Dreispitz und vor das Gesicht die Larva, die Maske, die es traditionell nur in weiß oder schwarz gab. „Damals war eigentlich das ganze Jahr Fasching“, sagt Nicolao.

Der Karneval des 18. Jahrhunderts begann am 26. Dezember und legte nur während der Fastenzeit eine kleine Pause ein. Mit der Maske waren alle gleich und zugleich verbarg sie manch unangenehme Realität: Durch neue Handelsrouten hatte Venedig an Macht verloren, Geldprobleme plagten viele vormals reiche Familien. „Unter der Maske wusste niemand, wer sie waren“, erklärt Nicolao, „so konnten sie noch am Glückspiel teilnehmen, obwohl sie bereits hoch verschuldet waren.“

Jedes Kostüm hat seine Geschichte

Menschen zu verkleiden und in andere Identitäten schlüpfen zu lassen ist Alltag für Nicolao. Der gebürtige Venezianer lebt das Theater: Begonnen hat er als Schauspieler, doch schon bald „wurde die Liebe zu dem, was hinter den Kulissen war, immer größer“. So wurde er Bühnenbildner und schließlich Kostümschneider. Akribisch detailgetreu sind seine Kostüme, in Bibliotheken hat er das Leben der verschiedenen Epochen studiert. „Ich habe die Modelle von Anfang an nicht nach der Phantasie, sondern nach historischen Vorbildern gemacht“, sagt Nicolao.

Trotzdem gibt es Unterschiede. „Für die Nahaufnahme des Kinos muss man sehr viel detaillierter arbeiten als für das Theater“, erklärt Nicolao. Dann schaut er kurz durch den Raum, dreht sich zu einem Kleid und nimmt den Saum zwischen die Fingerspitzen: „Aus dem letzten Casanova-Film“. Jedes Kostüm auf den langen Kleiderstangen hat seine Geschichte, wer es ausleiht, wird Teil von ihr.

Reisetipps

Informationen:

Italienische Fremdenverkehrsamt Enit unter www.enit.deoder T 0 69 / 23 74 34.
Touristeninformation Venedig ,T 00 39 / 41 /5 29 87 11 (man spricht auch deutsch), www.turismovenezia.it,
Karneval 2012 in Venedig: Der „Carnevale di Venezia“ beginnt dieses Jahr am 11. Februar und endet am 21. Februar. www.carnevale.venezia.it.
Übernachten: Zum Beispiel gehoben im Hilton Molino Stucky, einer aufwändig restaurierten ehemaligen Getreidemühle auf der Insel Giudecca. Von der Rooftop-Bar des neunstöckigen Gebäudes hat man einen der besten Blicke auf Venedig. Doppelzimmer während des Karnevals pro Nacht ab 189 Euro, www.hilton.com/venice.
Kostüme: Nicolao Atelier, Cannaregio 2590, 30121 Venezia, T 00 39 /41 /5 20 70 51, www.nicolao.com

Von Sandra Rauch

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