Südindien: Mit dem Hausboot durch Keralas Backwaters

Auf die ruhige Tour

+
Wunderbarer Wassergarten: Das Chaos und die Lautstärke der indischen Städte sind auf dem Wasser ganz weit weg.

Südindien: Mit dem Hausboot durch Keralas Backwaters

Im Paradies, frühmorgens. Ganz allein sitze ich im ersten Licht an Deck, eine Tasse Tee vor mir und dieses Panorama: Fischer in Einbäumen staken über den See, in den Palmenblättern hängt blauer Dunst, Rauch quillt aus den Hütten am Ufer. Ein Fischadler schwebt dem Meer entgegen, ein Vater rudert seinen kleinen Sohn über den See, offensichtlich der Schule entgegen, denn der Junge trägt eine weiße Uniform und einen roten Ranzen.Wenn wir frühmorgens die Palmblatt-Fenster mit einem Bambusstock ausstellen, fällt grelles Licht in die Kabine und – noch wichtiger – ein wenig Fahrtwind. Das Frühstück wird über eine Wendeltreppe aufs Deck gebracht: Reisnudeln mit Kokos, warmes Fladenbrot, gebratene Eier mit Chilipulver und Kurkuma, Kaffee, auf Wunsch mit Kardomom.

Auf die ruhige Tour: Südindien: Mit dem Hausboot durch Keralas Backwaters

Es ist der zweite Tag unserer Hausboot-Tour auf den Backwaters von Kerala, einem tropengrünen Labyrinth aus Kanälen, Seen, Flüssen und Wassergassen. Über 1500 Kilometer mäandert der künstliche Wasserweg parallel zur Malabarküste durch den schönsten Teil Südindiens. Unser Schiffchen heißt „Surya“ – altindisch für „Sonne“ – und ist ein Hausboot mit zwei Doppelkabinen, einem Sonnendeck, einer Miniküche und vier Besatzungsmitgliedern. Früher war die „Surya“ als Reisbarke unterwegs, seit zwölf Jahren schippert sie Touristen durch einen Wassergarten voller Wunder.

Ein Zauberer am Herd

Mittagszeit, es ist heiß, kein Windhauch bewegt die Palmwedel. Raghavan, unser Kapitän, liegt auf dem Salontisch im überdachten Teil des Oberdecks und schnarcht. Krishna, der Koch, werkelt in seiner Kombüse. Er erweist sich schon bald als Zauberer am Herd: Gebratener Thunfisch, auf einem Linsenbett angerichtet und mit den Gewürzen der Malabarküste abgeschmeckt, war sein Willkommens-Essen.

Auch Sunil, der Maschinist, gehört zum Team. Und Anil, der Reiseleiter, der in Poona Deutsch studiert hat und jetzt auf der „Surya“ alles regelt, was es zwischen Besatzung und Passagieren zu regeln gibt. Anil weiß, wo wir über Nacht ankern werden, und auch der Nachschub an Mückenöl, Bier und indischem Whisky liegt in seiner Hand.

Nicht immer ist allein der Wasserweg das Ziel. Manchmal legt die „Surya“ vor einer Kokosseilerei an, wo Taue nach alter Art gesponnen, gezogen und gedreht werden. Ein anderes Mal lauschen wir den Chorälen aus einer Kirche, die aussieht, als habe sie schon vielen Monsunregen getrotzt. Christliche Vielfalt ist an der Malabarküste so alt wie das Evangelium .

Nachmittags: Die Hitze hat sich wie eine Folie über das Schiff gelegt. Wir sind mit unseren geflochtenen Sesseln unters Dach gerutscht und schauen schläfrig über die Reling: Dort drüben wird gewaschen, gewerkelt, gewunken, werden Kokosnüsse vom Baum gepflückt, und ein Radfahrer bewegt sich langsam auf der Deichkrone, eine Bambusstange auf den Schultern balancierend, mit zwei großen Gefäßen an beiden Enden.

Abendstimmung: Manchmal wehen Tempelgesänge über die Palmen zu uns herüber. Gestern, am Landesteg, haben wir die Luxusversion eines Backwaterschiffes gesehen, mit Ledersesseln und Video-Fernsehern auf dem breiten Vorderdeck. Die Kabinen, so berichtet Anil, sind dort tiefgekühlt und mit Minibars ausgestattet.

„Anil“, fragt der Reisegefährte aus der anderen Kabine, „Anil, was machen wir morgen?“ Der junge Mann schaut einen Moment versonnen in die Palmenwälder an den Ufern. Dann sagt er, der so gerne lacht, ganz ernst und würdig: „Nichts, Sir, gar nichts. Wir werden viel sehen, aber nichts machen.“

Reisetipps

Beste Reisezeit: November bis April
Anreise: Südindien wird u.a. von Emirates, Ethihad und Srilankan angeflogen. Ideal sind die Zielflughäfen Cochin (heute Kochi genannt) und Trivandrum (Thiruvananthapuram), die Hauptstadt von Kerala.
Veranstalter: Hausboot-Touren, zumeist in Verbindung mit Kerala- und anderen Südindien-Rundreisen, werden in vielen Varianten u.a. vom Indien-und Südostasien-Spezialisten Comtour angeboten. Besonders authentisch ist das Erlebnis bei einer Fahrt mit so genannten Heritage-Booten, den klassischen Reisbarken.
Comtour, Corneliusstraße 2, 45219 Essen, T 0 20 54 / 9 54 70, www.comtour.de
Literatur: Picus Lesereise „Südindien: Roter Pfeffer in Gandhis grünem Garten“ von unserem Autor Bernd Schiller, 14,90 Euro; Reiseführer“Kerala“, Verlag Reise Know How, 17,50 Euro.
Auskunft: Indisches Verkehrsamt in Frankfurt, T 0 69 / 24 29 490, www.india-tourism.com

Von Bernd Schiller

Das könnte Sie auch interessieren

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.