Südlich der Wolken

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Das verloren geglaubte Paradies: Vor einigen Jahren kannte den Ort Zhongdian kein Mensch. Jetzt heißt er Shangri La und zieht die Touristen an – zu Recht, denn es ist schön dort.

Kunming, morgens um halb acht. Der Blick aus dem Hotelzimmer zeigt Hochhausschluchten, Autoschlangen, hastig trippelnde Menschen, die einen Mundschutz tragen, insgesamt eine triste Szenerie. Irgendwo muss auch die Sonne scheinen, aber sie dringt nicht wirklich durch den Grauschleier aus Dunst und Smog. Das also soll die „Stadt des ewigen Frühlings“ sein, wie die Sieben-Millionen-Metropole und Hauptstadt der Provinz Yunnan in einem Reiseführer vorgestellt wird. Von Bernd Schiller

Einen Tag später, im Bambuskloster am Stadtrand, auf knapp 2000 Meter Höhe. Die Luft ist frisch, es duftet intensiv nach Blumen und Räucherstäbchen. Ältere Herren haben ihr Mahjongg-Brett auf eine Steinmauer gelegt und geben sich ihrem Spiel hin. Eben noch Dreck und Hektik, und jetzt, wenig später, übertragen sich Ruhe und Gelassenheit auf den Besucher. Solche krassen Gegensätze sind typisch für Reisen durch China.

Südlich der Wolken - Yunnan ist Chinas abwechslungsreichste Provinz

Yunnan, so groß wie Deutschland und Holland zusammen, ist vielfältig wie keine andere Region in China. Nirgendwo sonst lebt eine so bunte Schar kleiner Völker neben- und miteinander, die allesamt ihre Eigenarten, Religionen, Trachten, Sprachen und Schriften durch die Jahrhunderte und sogar über die Kulturrevolution hinweg bewahren konnten.

Zwischen Himalaya und Goldenem Dreieck

Und nirgendwo anders in China weisen auch die Lebensräume von Tieren und Pflanzen eine solche Vielfalt auf wie im „Land südlich der Wolken“, so die Übersetzung von Yunnan: Im Norden die Ausläufer des Himalaya, die bis auf sechs- und siebentausend Meter ansteigen, davor Hochebenen, über die Nomaden mit ihren Yakherden ziehen. Im Süden hingegen, im Goldenen Dreieck zwischen Burma und Laos, dampft tropischer Dschungel.

Dazwischen grüne Hügel, Teeplantagen, Bambus und Regenwald, letzte Zufluchtsorte von Elefanten und Pandabären. Legendäre Flüsse, die als Rinnsale aus dem Himalaya kommen, mäandern durch gewaltige Felsschluchten und entwickeln sich noch in Yunnan zu den mächtigsten Strömen Asiens, allen voran der Yangzi, früher als Jangtsekiang berühmt, und der Mekong, die Lebensader ganz Südostasiens.

Also raus aus Kunming: Schon 120 Kilometer nach Südosten verlaufen wir uns im „Labyrinth der Liebenden“, einer Karstregion, in der bizarre Felsnadeln dicht an dicht in den Himmel ragen. Shi Lin, Steinwald, heißt diese Märchenlandschaft, deren Formen an Bäume oder Pilze erinnern, an Pagoden und Drachen, vielleicht auch an die Silhouetten von Mao oder Konfuzius.

Knapp zwei Stunden Flug über tiefgrünes Land und schroffe, braune Bergwildnis, und plötzlich sind wir im verloren geglaubten Paradies gelandet, auf weit über 3000 Meter Höhe. Shangri La  heißt unser Ziel, ein Ort, den noch vor ein paar Jahren unter dem Namen Zhongdian kein Mensch kannte. Jetzt, unter dem neuen Begriff, ist vor allem die Altstadt ein Touristenmagnet für Chinesen und mehr noch für Ausländer, die dem Mythos Shangri La auf die Spur kommen wollen.

Auf der Suche nach der ewigen Glückseligkeit

Der englische Autor James Hilton  hat sich vor 80 Jahren diesen Namen ausgedacht, der zum Symbol für ein Land ewiger Glückseligkeit und großer Geheimnisse wurde, Schauplatz seines vielfach verfilmten Romans „Der verlorene Horizont“.

Hilton hat ihn irgendwo im Südosten der Himalaya-Berge verortet. Der Bürgermeister der abgelegenen Stadt jedenfalls beschloss, dass seine Gemeinde das verlorene Paradies sein und also auch Shangri La heißen muss. Und die Touristen lieben es. (Bernd Schiller)

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