Vom Fastengebäck zur Kalorienbombe – In Torgau lernt man den Ursprung kennen

Sündiger Christstollen

Festliche Beleuchtung: Der Torgauer Weihnachtsmarkt erstrahlt in einem weihnachtlichen Lichtermeer. Foto: Archivbild 2004/Wolfgang Sens

Vor etwa 550 Jahren, im Mittelalter, war der Weihnachtsstollen noch ein Fastengebäck aus Mehl, Wasser und Bierhefe. Er sollte durch seine Form an das gewickelte Christkind erinnern, der Geschmack war Nebensache. Der Torgauer Hofküchenchef und Bäcker Heinrich Drasdow kam schließlich auf die Idee, dieses Gebäck mit Zucker, Rosinen, Mandeln, Trockenfrüchten und Butter anzureichern.

Diese wertvollen Zutaten waren teilweise nur in einer Apotheke zu bekommen. So grenzte sich die damalige Kundschaft auf die vermögendere Klientel ein. Außerdem war es eine heikle Angelegenheit, zur Herstellung eines Fastengebäcks vom Papst geächtete tierische Produkte wie Butter zu verwenden. Ein Zustand, der auch den kurfürstlichen Brüdern Friedrich dem Weisen und Johann dem Beständigen nicht geheuer war. Sie regierten damals von Torgau aus die weit verstreuten Gebiete des sächsischen Kurlandes.

Papst legalisierte das Gebäck

Mit einem Schreiben an Papst Innozenz VIII. gelang es, die bereits praktizierte Backweise nachträglich zu legalisieren. Rom beantwortete das Ersuchen mit einem „Butterbrief“, nach dem gegen eine Spende das Verbot der gehaltvollen Zutaten außer Kraft gesetzt wurde. In Torgau richtete man der Überlieferung nach einen Butterkasten ein, um Geld für den Bau einer steinernen Brücke über die Elbe zu sammeln. Das Infrastrukturprojekt konnte 1499 seiner Bestimmung übergeben werden.

Erfinder des Stollen

Der Bäcker Drasdow erhielt einen Privilegienbrief für seine Stollen-Kreation und darf heute als Erfinder oder zumindest Wiederentdecker des gehaltvollen Weihnachtsgebäcks gelten, das heute als „Dresdner Christstollen“ bekannt ist.

Schon in der heidnischen Germanenzeit kannte man „Gebildebrote“, die Trockenfrüchte enthielten. Der Torgauer Bäcker verfeinerte also uralte Rezepte und erschloss sich mutig eine Marktlücke. Am Dresdner Hof wurden Stollen oder Striezel, wie sie zunächst genannt wurden, in ganz anderen Größenordnungen gefertigt. Der Stollen wurde immer besser und bekannter.

Der Legende nach sorgte auch die nuschelige Aussprache der Bewohner dieses Elbabschnitts dafür, dass aus dem Drasdower Stollen schließlich der Dresdner Stollen wurde. (nh)

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