Argentiniens Metropole Buenos Aires bezaubert mit europäischem Flair

Tango am Silberfluss

Anfassen erlaubt: Touristen schnuppern in La Boca Tangoluft – und dürfen sich für ein Foto (gegen Entgelt) mit Amateurtänzern in Pose werfen.

Selbst Tanzmuffel werden in der Calle Caminito schwach: Sie lassen sich von halbprofessionellen Straßentänzern verführen, die für einen Schnappschuss in verführerischer Pose Hand anlegen – für ein Almosen als Honorar. Schließlich sind wir in Buenos Aires, der Welthauptstadt des Tango, wo der „vertikale Ausdruck eines Verlangens“ (George Bernhard Shaw) nicht nur für Touristen zelebriert, sondern gelebt wird. Wo die Herzen in Sporthallen, Clubs (Tanguerias) und Tanzschulen im schwermütigen Zweivierteltakt schlagen.

Den beherrschen auch die Musikanten der Restaurants in La Boca. Unverfälscht, betörend und ein bisschen schäbig zugleich ist das alte Hafenviertel tagsüber fröhliche Flaniermeile für Touristen – mit Kleinkunst, Musik und Tango-Nippes vor knallbunten Wellblechfassaden, welche die Armut dahinter kaum verbergen.

Nach Sonnenuntergang ist das Viertel verwaist

Das Vorhaben, zum Abendessen in die Calle Caminito zurückzukehren, grenzt für Taxifahrer Eduard Miguel Anastasi dagegen an groben Leichtsinn. Nach Sonnenuntergang sind die bunten Fassaden grau, die quirligen Gassen unweit der Bombonera, der „Pralinenschachtel“, verwaist. Menschenleer die Gassen um das gelb-blaue Fußball-Stadion der Boca Juniors, wo Sterne im Asphalt Diego Maradona und anderen Halbgöttern des argentinischen Fußballs huldigen. Ein Trupp Touristen schart sich schutzzsuchend unter einer Laterne um einen Polizisten – auf den Bus wartend. Anastasis Warnungen vor Gesindel, Messerstechern und betrügerischen Taxifahrern wirken auf einmal sehr überzeugend.

Das Nachtleben des modernen Buenos Aires pulsiert woanders: etwa am Puerto Madero, wo früher die Lagerhäuser verfielen. Nun säumen schicke Lofts, exklusive Restaurants und verglaste Wolkenkratzer das Hafenbecken am Rio de la Plata, dem „Silberfluss“. Unweit der Docks, in Sichtweite des rosa Präsidentenpalastes, erinnern donnerstags noch immer die „Mütter (und Großmütter) der Plaza de Mayo“ an die Verschleppung ihrer Angehörigen während der Militärdiktatur der 1970er- und 80er-Jahre.

Zum Friedhof der Reichen

Unterdessen trifft sich der Geldadel zum Shoppen in Recoleta, dem wohl aristokratischsten Viertel der Stadt. Residenzen mit prachtvollen Jugendstilfassaden beherbergen das wohlhabende Bürgertum. Luxus-Hotels wechseln sich ab mit Schmuck-, Leder- und Gourmetverlockungen – Gesichtskontrollen an gesicherten Ladentüren sind üblich.

Die benachbarte nekrologische Schatzkammer, den Friedhof von Recoleta mit seinen 4700 prachtvollen Marmorgrüften, darf jeder gratis betreten. Zumindest, wenn er noch atmet. Ein Plätzchen für die Ewigkeit erhält aber nur, wer unerhört reich ist, um bis zu 150 000 US-Dollar fürs Mausoleum zu bezahlen, oder wenigstens sehr berühmt: Wie Präsidentengattin und Nationalheldin Eva „Evita“ Peron-Duarte.

Von Gisela Busch

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.