In Australiens Regenwald und an der Küste zeigen Aborigines Land und Traditionen ihrer Vorfahren

Australien: Auf Trampelpfaden zu den Ahnen

Wohnst du tatsächlich im Regenwald? Die Frage des Jungen ist kaum zu hören. Der spärlich bekleidete Mann auf der Bühne lacht: „Nein, ich wohne in einem Haus, ich habe ein Auto und ich spiele auch xBox. So wie Du.“ Manchmal ist die Wahrheit selbst in Unterhaltungszentren hart.

Der Mann ist Aborigine und steht jeden Tag auf der Bühne in Tjapukai. Das Zentrum nahe Cairns an der Regenwald bedeckten Westküste Australiens ist eine Mischung aus Museum und Phantasialand. Hier auf dem Boden des Stammes Tjapukai dreht sich alles um das Leben der Ureinwohner: Besucher können Waffen anfassen, an den Blättern des Seifenbaumes riechen, Bilder knipsen während die Kinder Bumerangs bemalen.

Ureinwohner als australische Marke

Zwar kennt heute jeder das Bild des Didgeridoo blasenden Ureinwohners, doch Downunder tat sich lange schwer mit dem eigenen Erbe. Erst 2008 erfolgte eine politische Entschuldigung für die Qualen, die die Australier ihren Landsleuten über Jahrhunderte angetan hatten. Damit soll nun Schluss sein: Aborigines sind längst zur australischen Marke geworden – und immer mehr aus den geschätzt einst 400 bis 700 Stämmen nutzen dies selbst, um ein Stück des touristischen Kuchens abzubekommen.

„Nur, wenn man die Orte kennenlernt und die Geschichten dazu hört, kann man unsere Kultur verstehen.“

Willie Gordon

Tjapukai gilt dabei als Vorbild. 40 000 Besucher strömen alljährlich durch die Räume, 60 Indigenen arbeiten hier. Doch Angebote wie diese werden nicht überall positiv gesehen. „Aborigines-Kultur light“, „Verballhornung“ meinen Kritiker. Darunter sind auch Aborigines wie Willie Gordon, der im Norden bei Cooktown Besuchern das Land seiner Ahnen zeigt. „Wantharra! Da seid ihr ja.“ Gordon – ein untersetzter, offener und vor allem redseliger Mann vom Stamm der Nugal-warra – holt seine Gäste mit einem Bus direkt vom Flughäfchen in Cooktown ab. Über ungepflasterte Straßen und Hubbelpisten geht es mitten durch den Busch. Aussteigen.

Im Osten Australiens: Auf den Spuren der Aborigines

Und los geht es vier Stunden in die menschenleere Weite, über Steine, an Büschen vorbei. Irgendwann stößt die Gruppe auf große Felsblöcke. „Nur der Dumme steigt auf Felsen. Denn dort sieht er nur weitere Felsen. Der Kluge läuft um sie herum“, sagt Gordon und schmunzelt. Herumlaufen ist nett gesagt. Wir zwängen uns durch enge, abfallende Felsspalten, die vom Regen glitschig sind. Unten angekommen stehen wir im „Wohnzimmer“ der Familie Gordon. Hier lebte sein Großvater, sein Vater kam hier zur Welt. Alles niedergelegt in Malereien aus Lehmfarbe an den Felsen. Kurz verschnaufen und schon erzählt Gordon wieder: vom traditionellen Geburtsplatz, von einem weißen Mädchen, das einst hier lebte, von seiner Familie, die sie aufnahm, obwohl es nicht erlaubt war und, und, und ...

Bis zu den Waden im Schlick

Nur, wenn man die Orte kennenlernt und die Geschichten dazu hört, kann man unsere Kultur verstehen, meint Gordon - und spricht damit auch für die Warra-Brüder: Linc und Brandon wohnen noch heute, wo schon ihre Vorfahren lebten. Und sie gehen mit Touristen die Jagdwege im Kuku Yalanji, die schon ihre Vorfahren gingen. Ein Artillerie Soldatenkrabben kreuzt den Weg durchs Watt, dann geht es in die Mangroven, die Waden versinken im warmen Schlick. Brandon zeigt unter die wuchtigen Wurzeln, die bei Ebbe zum Vorschein kommen: „Schaut drunter, da verstecken sich die Krabben.“ Tatsächlich: Nach einigen Minuten hat Brandon eine im Blick, einige Stöße mit einem Stock und er hebt das zwei Hände große Tier in die Luft. Lunch.

Eine Stunde und zwei Krabben später, sitzen die Gäste in der Abendsonne auf die Terrasse von Mama Warra. Frisch gebackenes Weißbrot wird zur Nebensache angesichts der gekochten Krabben - und des frischen Haifleisches. Den Hai hat Linc erlegt. Mit den Händen.

Von Tatjana Braun

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