Traurige Bilanz: 2010 mehr Luftfahrttote

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In Europa ist Fliegen am sichersten.

Hamburg - Der Weg zum Flughafen, ist laut Statistik gefährlicher als eine Flugreise. Doch die Zahl der Toten bei Flugzeugunfällen ist 2010 wieder gestiegen.  

Bei 49 Unfällen kamen 829 Menschen ums Leben - nach 766 Luftverkehrstoten 2009. Das geht aus der Sicherheitsbilanz 2010 des deutschen Unfalluntersuchungsbüros JACDEC hervor, die das Magazin für Zivilluftfahrt “Aero International“ veröffentlicht hat. 2008 hatte es im zivilen Luftverkehr noch 598 Tote gegeben.

Europa bestätigte den Ruf der sichersten Luftfahrtregion der Welt. Weder in Europa noch in Nordamerika mit ihren stark verdichteten Lufträumen gab es im vergangenen Jahr nach JACDEC-Auswertung einen tödlichen Unfall im zivilen Luftverkehr.

Die zehn gefährlichsten Flughäfen der Welt

Washington-Touristen kennen den nervigen Fluglärm über der US-Hauptstadt: Der Reagan National Airport befindet sich mitten in der Stadt zwischen zwei Flugverbotszonen. Piloten müssen beim Landen Gebäude wie das Pentagon und das CIA-Hauptquartier meiden und während des Starts schnell an Höhe gewinnen, um nicht ins Weiße Haus zu fliegen. © AP
Flughafen gefährlich
Der Anflug auf den Flughafen Santa Catarina ist eine Belastungsprobe für Flugpersonal und Passagiere. Piloten müssen für den Anflug speziell ausgebildet werden: Die Landebahn ist nicht nur extrem kurz, sondern verläuft auch noch direkt an einem Steilküstenabhang. Die Piloten müssen lange auf die Berge zufliegen und erst im letzten Augenblick das Steuer rechts herumreißen, um auf dem Rollfeld zu landen. © dpa
Die Rollbahn des Toncontin-Flughafens in Tegucigalpa (Honduras) ist mit 1863 Metern die weltweit kürzeste eines internationalen Airports. Größere Flugzeuge können hier nicht landen. Vor der Landung muss der Pilot bergiges Gelände überfliegen, primitive Navigationsausrüstung machen den Flughafen zusätzlich gefährlich. Bei schlechter Witterung müssen die Flugzeuge oft nach San Salvador ausweichen. © dpa
Insel Barra
Auf der westschottischen Insel Barra muss ein Sandstrand als Flugfeld herhalten. Die Größe des "Rollfelds" hängt ganz von den Gezeiten ab. Simple Autoscheinwerfer auf dem Parkplatz weisen Piloten nachts den Weg über die flache Bucht. © dpa
La Guardia und Newark
Viel beflogen, aber ziemlich gefährlich: der John F. Kennedy Airport in New York. Die Herausforderung für die Piloten besteht im Vermeiden von Flugzeugen anderer Flughäfen in der Nähe - La Guardia und Newark. Die Crew ist gezwungen, etwa 460 Meter Abstand und eine Sicht von knapp 8000 Metern zu haben, bevor sie die Landebahn anfliegen dürfen. © dpa
Am 9. November 2007 kam ein Flugzeug der Airline Iberia von der Landebahn in Quito, Ecuador, ab (Foto). Piloten fürchten die abschüssige Landebahn der ecuadorianischen Hauptstadt seit langem. Der Flughafen liegt nur wenige Minuten vom Finanzzentrum entfernt und ist umringt von einer Wohnsiedlung. Das Problem wurde jedoch erkannt. Ein neuer Flughafen einige Kilometer entfernt gebaut. © dpa
Am 19. Februar 2013 schließt der berüchtigte Flughafen in der ecuadorianischen Hauptstadt Quito für immer. © AP
Der Flugplatz von Lukla in Nepal ist nur 527 Meter lang und 20 Meter breit. Die Landebahn neigt sich um 12 Grad, der Höhenunterschied zwischen beiden Endpunkten beträgt 60 Meter. Die Piloten haben nur einen Versuch, Durchstarten ist wegen der Hochgebirgslage unmöglich. Eine lebensgefährliche Angelegenheit: Auch eine Reisegruppe aus München stürzte hier 2008 in den Tod. © dpa
Die Startbahn der 13-Quadratkilometer-Insel Saba auf den Niederländischen Antillen ist gerade mal 400 Meter lang und säumt eine Steilküste. Der Flughafen der Karibikinsel ist außerdem sehr anfällig für Sturmböen. © dpa
Unglaublich: Eigentlich ist der Flughafen von St. Maarten, Karibik, nur für kleine und mittlere Jets geeignet. Piloten größerer Flieger müssen die Landebahn (2180 Meter lang) daher sehr tief über dem traumhaften Sandstrand von Maho Beach und seinen Urlaubern anfliegen und berühren dabei fast den zehn Meter hohen Sicherheitszaun. © dpa
Höchste Präzision erfordert der Landeanflug auf den Flughafen von Gibraltar, Südspanien. Der kleine Airport liegt zwischen der Bucht von Algeciras und dem Mittelmeer. Das Rollfeld ist knapp 1830 Meter lang. Wie auf den anderen kleineren Flughäfen brauchen Piloten hier eine Spezialausbildung. © dpa

Die Unfallbilanz des Jahres 2010 hat allerdings einen Schönheitsfehler: Da die JACDEC-Statistik nur den zivilen Luftverkehr umfasst, erscheint der Absturz des polnischen Präsidentenflugzeuges mit 96 Toten am 10. April 2010 nicht in dieser Bilanz, weil es ein militärischen Flug der polnischen Luftwaffe war. Zählt man diesen bis heute nicht restlos aufgeklärten Absturz einer russischen Tupolew TU- 154M bei Smolensk dazu, gab es im Jahre 2010 bei 50 Flugzeugunfällen 925 Tote. Nicht erfasst werden in der Statistik auch Menschen, die am Boden bei Abstürzen starben.

Trotz dieses Anstiegs der Opferzahlen ist die internationale Luftfahrt bei weiter steigendem Verkehrsaufkommen nach wie vor weit von den Unfallbilanzen der 80er und 90er Jahre entfernt, als der jährliche Schnitt noch bei 1100 bis 1400 Luftverkehrstoten lag. In ganz schlimmer Erinnerung sind die Jahre 1985 mit 1810 und 1996 mit 2272 Toten.

Günther Matschnigg, viele Jahre lang Vizepräsident der Internationalen Lufttransportvereinigung IATA, hat einmal vorgerechnet: “Ein Passagier, der jeden Tag einmal fliegt, müsste 4807 Jahre unterwegs sein, um in einen Unfall verwickelt zu werden.“

Menschliches Versagen - die drei schwersten Unfälle 2010

Wieder einmal bestätigte sich 2010, dass Fliegen in Schwellenländern und ärmeren Regionen der Welt sowie in Ländern mit schwacher Infrastruktur wesentlich gefährlicher ist. Die drei schwersten Unfälle des vergangenen Jahres untermauern diese Erkenntnis.

  • Am 22. Mai verunglückte eine Boeing 737 von Air India Express auf dem Flughafen von Bangalore: 158 Menschen kamen ums Leben, acht überlebten. Das Flugzeug setzte zu spät auf. Die Piloten versuchten noch, durchzustarten - jedoch zu spät. Der Jet schoss über die schwierige Bahn mit ihrem starken Gefälle hinaus und zerschellte in einem Waldstück.
  • 145 Passagiere und sechs Besatzungsmitglieder kamen ums Leben, als ein zehn Jahre alter Airbus A321 von Airblue am 28. Juli nördlich von Islamabad in Pakistan am Rande des Flughafens gegen die Ausläufer der Magalla-Hügelkette prallte. Die Piloten hatten einen ersten Landeanflug wegen extrem schlechten Wetters abgebrochen und gerieten beim zweiten Versuch außerhalb der vorgeschriebenen Anflugzone.
  • Am 12. Mai stürzte ein erst 2009 in Dienst gestellter Airbus A330- 300 von Afriqiyah Airways in nächster Nähe des Flughafens Tripolis in Libyen ab. Als der von Johannesburg kommende zweistrahlige Jet zur Landung ansetzte, war die Sicht durch Sand und Dunst stark getrübt. Zudem hatte der Flughafen kein Instrumentenlandesystem (ILS), das die Piloten mit Bildschirm-Anzeigen unterstützt. Der Pilot versuchte offenbar, durchzustarten, das Flugzeug verlor jedoch rapide an Höhe und stürzte etwa 900 Meter vor der Landebahn ab. 101 Insassen kamen ums Leben, nur ein neunjähriger Junge überlebte.

 “Aero International“ hebt hervor, dass sich bei diesen drei schwersten Unglücken, “die Ursachenszenarien gleichen, die allesamt auf menschliches Versagen deuten“. Der schlimmste Flugunfall ereignete sich in Indien, einem Land, dessen Infrastruktur sich nach Einschätzung vieler Luftfahrtkenner am rasanten Wachstum der Vergangenheit zu verschlucken droht.

Besonders Pakistan war 2010 ein Brennpunkt für Flugzeugunfälle. 181 Menschen starben hier an Bord von Flugzeugen. Indien folgt mit 158 Opfern. Keine Rolle spielte 2010 der Terrorismus in der Verkehrsluftfahrt.

dpa

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