Ein Wochenende in Madrid

Trubel in der Kapitale

Bummeln, stöbern, draußen sein: An die 300 000 Menschen besuchen an Sonntagen die Flohmärkte in den engen Straßen der Viertel Lavapies und La Latina. Foto: Hovest

Dutzende von Kleingruppen drängen sich durch die Gassen rund um die Plaza Santa Ana, aufgeregt redend, hemmungslos lachend, wild gestikulierend. PKWs und Taxis bewegen sich im Schneckentempo, vor den Bars und Diskotheken bilden sich lange Schlangen. Es ist drei Uhr morgens in der Nacht von Freitag auf Samstag. „Das ist ganz normal“, sagt Manuel Martínez. Der gebürtige Andalusier aus Granada lebt seit den 70er-Jahren in der Hauptstadt und ist irgendwann aus dem Zentrum hinaus an den Stadtrand gezogen auf der Suche nach mehr Ruhe, wie er lächelnd zugibt.

Als Anwohner verständlich, für den Besucher hingegen ist es faszinierend, was gemeinhin unter dem Begriff „la marcha“ – der Rhythmus – bekannt ist. Einfach ein Dosenbier an einem der mobilen Stände gekauft, vor einem Kaufhaus, einer Bankfiliale oder einem Kino den Blues-Klängen von Straßenmusikern gelauscht – geradezu spielerisch passt man sich der marcha an und ertappt sich bei dem Gedanken, sich am liebsten komplett dem Treiben hinzugeben – nur einmal, nur heute nacht.

Rund um die Uhr viel zu entdecken

Wenn da nicht das ebenso attraktive Tagesprogramm wäre. Man wandelt etwa durch das weltberühmte Museo del Prado, einer der größten Pinakotheken weltweit. Oder durch die Privatsammlung der Familie Thyssen-Bornemiza, die der spanische Staat für rund 265 Millionen Euro Anfang der 1990er-Jahre in einem Palast am Paseo del Prado untergebracht hat. Ein ganz besonderes Ereignis für Kunstliebhaber ist das Centro de Reina Sofia. Unweit des Bahnhofs Atocha gelegen ist das vollständigste und weltweit am besten besuchte Museum für zeitgenössische Kunst in einem ehemaligen Krankenhaus untergebracht.

Die Gassen des Literatenviertels sind eng. „Autos fahren hier nur mit Sondergenehmigung“, sagt Martínez. Zu jedem Winkel, jeder Bar, jeder Plaza weiß der kundige Stadtführer eine passende Anekdote. So auch, dass von den einstigen Monumenten aus dem 17. Jahrhundert kaum noch etwas übrig geblieben ist. Im 19. Jahrhundert sei vieles neu errichtet und mondäner erbaut worden, berichtet Martínez. An manchen Orten erinnert nur noch der Straßenname an eine untergegangene Epoche. Etwa die Plaza de la Puerta Cerrada, ein verschließbares Tor, mit dem sich im 16. Jahrhundert die Einwohner Madrids vor der außerhalb der Stadtmauer wohnenden Moslems schützten.

Über weitere kleine Plätze vorbei an dutzenden Cafés und Bars gelangt man zur guten Stube der Hauptstadt – der Plaza Mayor mit ihren einzigartigen Säulengängen. Auf diesem „Schauplatz der Stadt“ mit der Junta Municipal del Distrito Centro, dem Bezirksrathaus der Altstadt, herrscht geschäftiges Durcheinander – Musiker, Maler und Künstler aller Art zeigen ihr Können. „Das Herzstück der Stadt gilt als städtebauliches Werk der Habsburger“, weiß Martínez. „Am 15. Mai 1620 weihte Philipp III. den Platz offiziell ein.“ Seither finde an diesem Tag ein großes Stadtfest statt.

Wie jeden Sonntag, wenn sich bis zu 300 000 Menschen durch die engen Straßen der Viertel Lavapies und La Latina quetschen, wo der berühmte „rastro“, der Flohmarkt, stattfindet. Vor allem sei der Rastro aber ein Volksfest, meint Martínez und er hat Recht. Am U-Bahnhof „La Latina“ spielt eine Band Klezmer-Musik, an einer anderen Ecke heizen Salsa-Rhythmen ein und in der kleinen Gasse macht ein alter Mann den Dompteur – reichlich Trubel in der Kapitale.

Von Markus Howest

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