Im Survival-Camp in St. Gallen in der Schweiz fühlen sich echte Helden pudelwohl

Wo überleben alles ist

Schwimmen mit Sack und Pack: Damit die Sachen trocken bleiben, schwimmt man in Unterwäsche und packt die übrigen Sachen in einen Müllsack. Fotos:  Schreiber

Vier Uhr morgens in einem Wald bei St. Gallen. Selbst die Vögel schlafen noch – genau wie der sportlich-muskulöse Pascal, der seit Stunden schnarcht. Man fragt sich, wie er entspannen kann. Die Kälte kriecht vom Boden in den Schlafsack, weil dürre Zweige die Isomatte ersetzen. Der Magen knurrt, die Hände schmerzen und der Kopf dröhnt ob der gestrigen Anstrengungen.

Die Teilnehmer, die neben Pascal (22) frieren, haben einen Tag mit Waldlauf, Klettern, Schwimmen und dem Bau einer Notunterkunft hinter sich. Drei Stunden später ruft ihr Ausbilder Tim Noetzel zum Frühstück ans Lagerfeuer, wo der zweite Tag des Survival-Trainings beginnt. Pascal hat schon als Kind in Indianer-Tippis genächtigt. Wahrscheinlich hat er deshalb so einen gesunden Schlaf.

So steht die Gruppe also am Morgen am Feuer und klagt – abgesehen von Pascal – über die miserable Nacht. Obwohl alle Teilnehmer am Ende des vergangenen Tages drei Stunden mit dem Bau einer Schlafstätte verbracht haben, ist nichts anderes dabei herausgekommen, als ein Verschlag in Sarg-Größe. Der Boden wurde notdürftig mit Zweigen ausgelegt, die Isolierfunktion war nahe Null, dafür drückten die Äste überall durch den Schlafsack. Auch Dach und Wände bestanden lediglich aus einer Schicht Tannenzweige. Bei Regen ist der Bau die reinste Tropfsteinhöhle.

„Aushalten und Durchhalten, darum geht es in meinen Kursen.“

Tim Noetzel

„Aushalten und Durchhalten, darum geht es in meinen Kursen“, betont Anführer Noetzel. Geschwommen wird in Unterwäsche, das Trocknen übernimmt der Wind. Wasser findet sich im Wald, Essen auch. So stochert die Gruppe in morschen Baumstämmen, um Würmer zu finden (zum Glück keine drin) und fängt Frösche mit der Hand (wieder freigelassen).

Wirklich eklige Dinge macht man dann doch nicht. Zumindest bis zum Abendessen. Von den Heuschrecken bleibt nach dem Abpulen nur wenig übrig. Die Maden sind knusprig, bei einer Blindverkostung würde man auf Spiegelei tippen. „Durchhalten“, sagt Anführer Tim. „Im Notfall wären das Delikatessen.“

Mit Kohle Zähne putzen

Um den Geschmack wieder loszuwerden, würden jetzt alle gerne Zähne putzen. Noetzel stürmt in den dunklen Wald, kehrt mit Weideästen zurück und zückt vor fragenden Gesichtern sein Messer. Er ritzt ein Ende mehrfach ein, sodass ein Bürstchen entsteht. Kohle aus dem Feuer geholt, zerbröselt, Wasser drauf, fertig ist die Zahnpasta. Danach haben alle Teilnehmer schwarze Lippen und das dringende Bedürfnis nach einer richtigen Zahnbürste.

Sonntagmorgen, noch vor Fallenbau, Verletzten-Bergung und Fluss-Überquerung, sitzen alle hungrig ums Feuer. Wer will, kann selbst Brot backen oder sich eine Suppe anrühren. Dazu fehlt allerdings noch etwas. Deshalb schnitzen und schaben die Teilnehmer aus einem Stück Holz einen Löffel.

Der Wald gibt einem alles, was man braucht. Das ist die wichtigste Erfahrung des Kurses. Äste und Blätter zähmen den Wind und schwächen den Regen. Harz und Rinde helfen, allerlei Schmerz zu lindern. Das Holz spendet Feuer und wärmt kalte Nasen und Finger. Und nachts stehen die Fichten wie Beschützer um unser Camp. Plötzlich knackt irgendwo ein dicker Ast. Ein Tier? Was soll’s. Dauer-Schnarcher Pascal ist endlich ruhig.

Von Christian Schreiber

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