Italien: Im Cilento ticken die Uhren anders

Unbekanntes Juwel

Eine Landschaft wie aus einem Guss: Mittelalterliche Dörfer wie hier Pisciotta, Berge, die bis ans Meer reichen und dazwischen feine Sandstrände findet man im Cilento. Und das alles – mit Ausnahme des August, wenn die Neapolitaner Urlaub machen – ohne Massentourismus. Foto: Howest

Buena giornata“ rufen die Karten spielenden Männer vor der Bar La Piazetta freundlich. Auch der etwas abseits sitzende ältere Herr mit den grauen Haaren und der gegerbten braunen Haut grüßt überschwänglich und sucht gestikulierend das Gespräch. Er spricht von den Karstgrotten in Palinuro, von der Schönheit der Küste zwischen der Punta Licosa und dem Capo Palinuro, der langgestreckten Felszunge und davon, dass er lange in Deutschland gelebt hat.

Der alte Mann mit dem Stoppelbart hat mehr von der Welt gesehen als Castellabate, das kleine 800-Seelen-Dörfchen am Rande des Parco Nazionale del Cilento, Italiens jüngstem Nationalpark und Unesco-Weltkulturerbe. „In den 60ern bin ich mit meiner Familie nach Stuttgart gegangen“, sagt er stolz in gebrochenem Deutsch.

So wie er hat es das halbe Dorf gemacht. In den 90ern seien viele wieder zurück gekehrt. Seither besinnen sich die Menschen im Süden der Provinz Salerno auf die Schönheit des Cilento mit seinen rund hundert Kilometern Küste und kleinen Dörfern, die so ursprünglich sind als wäre die Zeit stehen geblieben.

Verwinkelte schmale Gassen, die mit Rundbögen überspannt sind, ein tunnelartiges Stadttor, durch das früher das Vieh getrieben wurde, dazu mittelalterliche Fassaden, wohin das Auge blickt – so präsentiert sich das im Jahre 1123 gegründete Castellabate. Auf steilen Treppenwegen gelangt man zum Aussichtspunkt Belvedere. Von dort schweift der Blick über das Thyrrhenische Meer bis hinüber zur Insel Capri, wo abends die Sonne im Meer versinkt. Wie ein Wachtposten thront Castellabate mit seinen 280 Metern Höhe über den Küstenstädtchen Santa Maria di Castellabate und dem Fischerort San Marco. Eine Lage, die den meisten Orten im Cilento eigen ist.

Wenn Anfang August die Städter aus dem hundert Kilometer entfernten Neapel in die Küstenorte strömen, verlieren sie für kurze Zeit ihren weltentrückten Charakter. „Sie verwandeln sich über Nacht in geschäftige Touristenzentren“, sagt Claudia Steiner. Die 39-Jährige Münchnerin kam vor zehn Jahren als Kunsthistorikerin in die Region – und blieb. Jetzt lebt sie in Marina di Pisciotta, ein verschlafener Küstenort weiter im Süden. Sie vermietet mit ihrem Mann Roberto Ferienwohnungen und organisiert kleine Führungen nach Paestum, den Ruinen einer griechischen Stadt mit drei dorischen Tempeln. „Den besterhaltenen außerhalb Griechenlands“ wie die Cilento-Liebhaberin weiß. Im siebten Jahrhundert vor Christi sei das antike Paestum von griechischen Händlern gegründet worden, um 500 v. Chr. habe es seine Blütezeit erlebt und 273 v. Chr. wurde es römische Kolonie, klärt die Kunsthistorikerin auf.

Claudia Steiner hat noch einen Tipp: Zwischen den antiken Ausgrabungsstätten von Velia und dem mittelalterlichen Ort Casal Velino erstrecken sich die langen feinen Sandstrände des Golfo di Velia. Strände, die das begehrte Öko-Label „bandiera blu“ tragen. Jene „Blaue Flagge“ wird jährlich von der unabhängigen Umweltstiftung FEE (Foundation for Environmental Education) für exzellente Wasserqualität und umweltfreundliche Strandeinrichtungen verliehen. Immerhin: Das Cilento hat sich mit zehn ausgezeichneten Stränden unter den saubersten Küstenregionen Italiens platziert.

Von Markus Howest

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